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Kurzgeschichten
Raimund Fellner Malerin Sabine Henning

Raimund Fellner
Gezeichnet von Sabine Henning
www.sabine-henning.info

Die Liebeserklärung für Bea
   Sie traten hinaus in die Nacht aus dem Veranstaltungsgebäude auf einen asphaltierten dunklen weiten Platz. Raimund ging mit Doris an der Seite, seinem irdischen Fegfeuerliebchen, und in geraumem Abstand daneben waren Bea, seine fortwährende Liebe, und Musto, der väterliche Jesuitenpater, der einstige Obwalter des Schülerzentrums München Fürstenried in den 1970er Jahren, des legendären Schlosses. Bea besprach sich mit dem alten graubärtigen Mann wohl über die Widerfahrnisse ihres Lebens.
   Raimund, der sich der Liebe völlig sicher war, blickte Bea an, und sie erwiderte den Blick, ohne dass beide nur irgendeine Scheu hatten, sich ununterbrochen gegenseitig anzuschauen und anschauen zu lassen. Die einstige Schönheit von Bea war verformt. Ihr längliches blondes Haar war zwar gewaschen, aber trotzdem angeklatscht und missförmig. Dergleichen wirkte ihr Gesicht entformt, wie auch ihr Leib, nach einem missglückten Leben, verlebt, musste Raimund deuten; so wie auch sein Leben reziprok-korrelativ zu Bea entglückt war, und er überlegte: Vom jetzigen Zustand ihres Aussehens hätte sie keiner als schön empfunden. Raimund hätte sich ihr nicht weiter zugewandt, weil sie ihm zu problembehaftet vorgekommen wäre, wenn nicht die gemeinsamen Erlebnisse der Vergangenheit gewesen wären. Sie war nun einmal seine femme fatale, seine Schicksalsfrau, die ihn immer wieder einholte, wie er in den langen, getrennt gelebten Jahren, erkannt hatte, gleichgültig, wie sie jetzt gerade aussah und welchen Reiz sie ausstrahlte. Denn das Aussehen spiegelt nur den gegenwärtigen Zustand des Ergehens wieder. Es wird wieder besser, wenn das Ergehen wieder besser wird.
   Bea litt zurzeit an sich und hatte zu büßen im Gegensatz zu Raimund, den dünkte, er habe an Buße schon zur Genüge hinter sich, und es ginge ihm darum jetzt besser als früher, und er überträfe sie darum mit seinem wiederhergestellten Aussehen. So glaubte er hochmütig, sie zu übertrumpfen und ihr überlegen zu sein. Er hatte jetzt etwas zu bieten, den Wert seiner überdacht-verarbeiteten Erfahrung. Er brach diese unguten hochmütigen Gedanken ab, sehr wohl erkennend, dass solche Gedanken Bea gegenüber gemein und verletzend waren.
   Er hätte die Begegnung im gegenseitigen Anschauen auf sich beruhen lassen können bis zur nächsten Begegnung. Die gegenseitige Betrachtung war beredt genug. Da bedurfte es keiner weiteren Worte. Da Raimund sich aber der gegenseitigen Liebe sicher war, wurde er ein wenig überschwänglich. Er trat auf Bea zu und sagte: „Jetzt will ich mit dir gehen.“ Dabei legte er besitzergreifend den Arm um ihre Schulter. Dieses In-Besitz-Nehmen konnte Bea natürlich nicht durchgehen lassen, denn Liebe besteht ja nicht im Besitzen, sondern in einem reziprok-korrelativen Verhalten zueinander, das Bea auch folgerichtig zeigte, indem sie ihn abschüttelte. Der Beweggrund dieses Gebarens war Raimund sogleich klar, zumal sie Laute äußerte, die sein Fehlverhalten tadelten. So war es immer. Bea war seine beste Erzieherin. Raimund verstand vollkommen und sah seinen Fehler sogleich ein, ohne verärgert zu sein. Weil er sich der Liebe sicher war, war er auch gar nicht frustriert, sondern besann sich auf die richtige Verhaltensweise. Er fragte sie, gewiss, dass nun keine Ablehnung erfolgen würde: „Gibst du mir Deine Hand?“ und fasste entschieden nach ihrer Hand, die sie ihm bereitwillig gewährte. Eine feingliedrige Hand, die nicht zu fest gedrückt werden durfte, weil in ihr die schwächere Kraft war. Er machte sich Gedanken über die Feingliedrigkeit der Hand, einerseits voll Kraft und doch zerbrechlich, so wie von früher her er ihre Hände in Erinnerung hatte. Obgleich dies das erste Mal war, dass er mit Bea Hand in Hand ging, war Raimund nicht euphorisch, sondern es war eine vertraute Freude, als seien sie schon oft Hand in Hand gegangen, weil die gefasste Hand, Beas Hand war, die er spürte, um die er immer froh sein würde. Eine bleibende Freude.
   Dass sie zu leiden gehabt hatte, wovon ihre Erscheinung sprach, veranlasste Raimund zu folgendem Vortrag über Haare aus seinem Gedankenschatz im Gedächtnis, mit dem er ein dringliches Anliegen zum Ausdruck brachte: „Gleichgültig wie sie aussehen, die Haare, schneide sie nicht ab, denn darin ist die Seele aufbewahrt. Die Haare verstärken immer den seelischen Zustand. Wenn es dir gut geht, sehen sie umso besser aus, und du wirkst umso ausdrucksvoller und schöner. Geht es dir schlecht, so ziehen sie auch die Schönheit nach unten. Trotzdem schneide sie nicht, denn sonst vergibst du dir die Möglichkeit zu einem strahlenden Aussehen zu gelangen, wenn das Ergehen wieder besser wird. Durch solche Durststrecken des schlechten Ergehens muss man durch mit den langen Haaren, um nachher, wenn das Leid überwunden, um so strahlender und selbstbewusster zu sein. Wer seine Haare schneidet, beschneidet die Entfaltungsmöglichkeiten seiner Persönlichkeit. Also schneide auf keinen Fall deine Haare.“
   Bea hörte sich die Rede an. Sie ließ sie auf sich wirken, sagte nichts, widersprach nicht, machte keine Einwände und keine Relativierungen. Das war sie. Sie ließ gelten, was er sagte, überdachte seine Gedanken und machte sie sich zu eigen, wenn sie richtig waren. Und diese Gedanken über die Haare waren richtig, zutiefst selbst erfahren und erlebt, denn auch er hatte lange Haare.
   Auch umgekehrt hatte er immer Beas Gedanken gelten lassen und sich zu eigen gemacht, weil sie bisher immer richtig waren. Das war ihre Liebe, dass sie einander vollständig liebten mit allen Gedanken und Eigenheiten, nicht nur teilweise, so wie Raimund sein irdisches Fegfeuerliebchen, Doris, nur teilweise lieben konnte.
   Er dachte sich: “Jetzt muss ich mal aussprechen, was eigentlich sonnenklar ist, ich will mal sehen, was dann geschieht.“ Darum sagte er zu ihr, was er noch nie zu ihr gesagt hatte, was er aber Susy schon einmal vorgelogen hatte, insofern mochten die Worte verbraucht, weil missbraucht, sein. Er sprach: „Ich will es jetzt sagen, Bea, ich liebe dich.“ Er sprach ganz laut, dass alle in der Umgebung es hören konnten, weil er dachte, das soll jetzt öffentlich sein und braucht nicht verborgen zu sein.
   Sogleich ohne jegliche Denkpause sagte Bea genauso laut: „Raimund, ich liebe dich richtig.“ Weil Beas Erwiderung ohne jegliche Pause im selben deklaratorischen Tonfall laut zurückkam, musste Raimund denken: „Äfft sie mich nach?“
   Raimund ließ diesen Gedanken vorerst beiseite. Bea kam ihm jetzt wieder so jugendlich schön vor wie früher, ohne dass er sie genau betrachtete. Er war beschwingt und froh. Dann fragte er, ohne sich eine weiterführende Antwort zu erwarten: „Was machen wir jetzt? Wie geht’s weiter?“ Bea wusste darauf, wie erwartet, auch keine sofortige Antwort. Klar war, dass es weiterging, denn sie liebten sich.
   Und um diese Liebe machte sich Raimund jetzt ausführliche Gedanken: Was meinte Bea mit „richtig“, sie liebe ihn „richtig“? Das war kein Nachgeäffe, sondern eine tiefe Aussage, wurde ihm klar. Er selbst wäre nie auf diesen Gedanken, auf dieses „Ich-liebe-dich-richtig“ gekommen. Was war damit gemeint? Er dachte und dachte und wurde so schnell nicht schlüssig. Und während er nachdachte, wachte er auf und musste daran denken, dass Bea schon gestorben war, jetzt wohl bei Gott, seinem Glauben nach. Dieses Traumerlebnis war so echt, als sei er wirklich mit Bea zusammen gewesen.

 

Eine reizvolle Betätigung mit Bea
   Was das für ein Konzert war, zu dem Raimund gerade sich einen günstigen Platz suchte, wusste er nicht recht. Es interessierte ihn auch nicht weiter. Ihm kam es vor allem auf die offene lockere Atmosphäre an. Er wollte sich einen Platz suchen, bei dem er einerseits gut auf die Bühne sehen konnte, andererseits aber auch einen Überblick auf die Leute hatte. So zog es ihn zu einer Seitentribüne hin. Die Plätze waren schon vereinzelt besetzt.
   Er entschloss sich für eine freie Querreihe mit Tischen. Nur eine Gestalt saß da, die er sich aufs erste gar nicht näher besah, als er sich daranmachte, Platz zu nehmen. Erst als er saß, richtete er seine Aufmerksamkeit auf diesen Menschen neben sich. Raimund sah in sein Gesicht; ein Blick, der erwidert wurde. Er war ganz überrascht und angenehm erstaunt, dass es Bea war, seine einzige anhaltende Liebe.
   Auch Bea gab sich erstaunt, Raimund zu sehen. Doch zunächst zeigte sie sich spröde reserviert, abwartend, was er von ihr oder mit ihr wolle.
   Ganz spontan sagte Raimund: „Dass du da bist? Ich habe schon geglaubt, du seiest bei einer Naturkatastrophe gestorben, wie ich aus dem Internet erfahren habe. Jetzt lebst du noch oder wieder, das freut mich sehr, dass du da bist.“ Innerlich erklärte sich Raimund, dass Bea wohl auferstanden war, denn als religiöser Mensch glaubte er daran. Allerdings wusste er, dass er in eine Psychose mit Wahnvorstellungen auch abgleiten konnte. Dass Bea sich so reserviert spröde gab, erklärte er sich, dass sie eigentlich zu einer anderen Welt gehörte. Wie es möglich war, dass sie sich begegneten, diese Verwunderung brachte er zum Ausdruck. Aber beide hielten sich bei diesem Thema nicht länger auf.
   Raimund dachte an die letzte Begegnung und wiederholte in recht trocken feststellendem Tonfall: „Ich hab´s ja schon gesagt, wie du weißt, ich liebe dich.“ Er wollte damit zum eigentlichen Beisammensein überleiten. Ob Bea aus dem Jenseits ins Diesseits gekommen war, wie es möglich war, dass sie hier war, diese Frage fand er fürs erste uninteressant. Interessant fand er nur die leibhaftige Bea, die er anfassen, berühren konnte.
   Auch Bea war zu diesen Gedanken der Leiblichkeit übergeschwenkt. Auch sie wollte sich sinnlich verlustieren. Darin waren sie sich einig, als sei das ihre täglich vollführte Betätigung, die sich von selbst verstand. Dabei war´s das erste Mal.
   Sie wollten gerade aufeinander zu rutschen, als sich ein ehemaliger Lehrer von Raimund neben ihn setzte. Beide ärgerten sich sichtlich, dass nun ihr Vorhaben, einander lustgewinnend zu befingern, vereitelt war. Raimund aber wusste Abhilfe, was er Bea andeutete. Er setzte sich ihr gegenüber, - eine Tischplatte war dazwischen, so dass die Sache für den Lehrer unbeobachtet sein würde.
   Raimund streifte unauffällig Schuhe und Socken ab und begann zu fußeln. Als er einfühlsam mit den Zehen sacht nach ihrer Muschi tastete, wurde er gewahr, dass die ein wenig glitschige Spalte unvertucht zugänglich war. Sie hatte unter ihrem Minirock gar keine Unterhose an, vermerkte er erfreut. Das war besonders für Bea typisch. Sie war halt genau das, was sein Herz und vor allem sein Geschlecht begehrte. So schön lasziv verrucht. Allein schon diese frivole Tatsache machte in ihm die besonderen Beagefühle, weshalb er sie so liebte.
   Auch Bea bearbeitete mit den Zehen seine edlen Teile, welche ohnehin von Beas frivoler Verruchtheit angetan waren. So ganz selbstverständlich war ihr Treiben. Es bedurfte keiner Worte, um sich zu verständigen.
   Dass die Situation nach außen hin für den Lehrer normal und gesittet erschien, während sich die beiden unbemerkt „unsittlich“ betätigten, gab dem Treiben noch eine besonders reizvolle Gefühlskomponente.
   Das Konzert mit seiner Musik blieb für Raimund ganz unbeachtet, so sehr war er mit Bea befasst.

 

Lustgewinn
   Ich war in eine Menschenmenge geraten. Das Wetter war herbstlich, nicht besonders warm, eher kalt, wenngleich kein Regen fiel. Die Gestalten waren wohl eingepackt, so auch ein weibliches Wesen, das sich ganz absichtlich an mich drückte. Ihr Leib in idealer Größe zu mir schlang sich absolut kompatibel an mich. In mir erwachte mein Gewissen. Durfte ich denn jetzt Lust genießen mit einer Ixbeliebigen, da ich doch erklärtermaßen mit D., meinem Fegfeuerliebchen, in freundschaftlicher Gemeinschaft war? Ich merkte, wie meine Männlichkeit erstarkte und sich begierdefreie wonnige Lust, wie zu Bea, meinem Idol, einstellte. So wie sie sich anfühlte, diese Maid konnte nur Bea sein, kam mir der Gedanke. Das würde mein Gewissen entlasten. Im Gegenteil ich durfte freudig genießen, weil Bea die Wahrheit war, was die Liebe betraf. Darum entfuhr es mir fragend und zugleich feststellend: "Bea?!" Sie gab glucksende belustigte Laute von sich. "Du bist Bea", stellte ich jetzt klar fest. Sie verneinte nicht. Ihr Gesicht konnte ich allerdings nicht sehen, so sehr waren wir umschlungen. Ich genoss Bea, Lust und Freude zugleich, die ich kostete. Jedoch bevor die angenehmen Gefühle ihr Maximum erreicht hatten, löste sich Bea und entschwand. Ich war nicht mal traurig, denn unsere Art war es immer eine Begegnung zu beenden, noch bevor das Maximum der Freude überschritten war, streng nach meinem Grundsatz, mit Bea nie eine Ejakulation geschehen zu lassen. Die Lust blieb also bei mir und in mir. Sie würde mich über den ganzen Tag hin erfreuen, ohne jäh abzureißen, dachte ich mir, als ich erwachte.

 

Begegnung mit Bea
   In einem Warenhaus gerieten rötlich-blonde lange Haare in sein Gesichtsfeld. Er sah die Gestalt schräg von Hinten, vom Ende des Regals halb verdeckt. Nur drei Schritte war er entfernt. Das ist Bea, war er sich ganz sicher, obgleich sein Blick ihr Antlitz noch nicht ausfindig gemacht hatte. Zwar beschlichen ihn Bedenken, sich des Stalkings schuldig zu machen, während er die fehlenden drei Schritte auf die Gestalt zuging und sie selbstgewiss-sachte an die Schulter tippte, um auf diese Weise die Zuwendung ihres Gesichts zu veranlassen. Wie erwartet, wandte sich ihm Bea in leuchtend-schöner Gestalt zu. Welch gepflegt aufgeräumtes Gesicht, musste Raimund denken. Wie hübsch geordnet umspielen die ungebundenen rot-goldenen Haare ihre sanft-zarte Gesichtshaut. Eine "gepflegte" Erscheinung, musste Raimund denken und benutzte dabei mangels anderer Ausdrucksmöglichkeit den Spießerbegriff der 1980er Jahre im Stillen für sich.
   Beas Leben war wohl geordnet, problemlos, musste Raimund daraus folgern. Sie, die erwachsene Frau Bea, schien in einem geordneten Berufsgefüge einwandfrei zu funktionieren. Sie hatte sich ihren Platz in der Gesellschaft eingenommen, ohne in ihrer freien Erscheinung auch nur irgendeinen Abstrich zu machen. Die ungestutzte Erscheinung glich einer Schauspielerin in einem Film mit den Werten "reich und schön". Und doch, ihre hübsche Schönheit war ein wenig zu sehr gefügt, als sie sich in wohl gezügelter Herzlichkeit unsicher-respektvoll gehemmt ihm gegenüber verhielt. Das schien professionell erlernt. Wenn Raimund mit früher verglich, war ihr beschwingtes locker lässiges Hippieverhalten von damals deformiert. Das Hippiemädchen von einst, hatte eine professionelle Deformation im Verhalten mitgemacht, musste Raimund denken. Auf einer Art von professioneller Biederebene kam sie ihm entgegen, immer gehemmt bemüht zeigend, dass sie diese Biederebene durchbrechen wollte, ihm zuliebe, weil sie ihn liebte, richtig liebte, wie sie erklärt hatte. Und doch waren da all die Hemmungen einer institutionalisierten Berufswelt mit ihren Normen, die für sie beide eigentlich gegenstandslos waren. Es war ihre Unsicherheit ihm gegenüber, eine mangelnde Vertrautheit. Wie sollte solche Vertrautheit auch walten all die Jahre der Trennung. Auch Raimund hatte sie nicht. Sie liebten sich zwar absolut und hatten aber doch keine Vertrautheit. Sie hatten ihr Leben nicht miteinander gelebt, musste Raimund bedauernd denken. Jetzt lernten sie sich in immer neuen Begegnungen in Lebensabschnitten immer mehr kennen, holten auf diese Weise nach, was ihnen entgangen war.
   Raimund, der ebenso gehemmt war und voll Respekt vor dieser hübsch-schönen Frau, war mit ihr nicht lebensvertraut. Er wollte zeigen, dass er nicht professionell deformiert war, dass er immer noch der unverbildete alte lockere Hippie war. Er drückte Beas Leib mit seinem rechten Arm an sich und tat so locker lässig, als er nur konnte, als er sagte: "Das freut mich, dass ich dich hier treffe." Er wollte so Beas professionelle Deformation durchbrechen mit falscher Kumpelhaftigkeit, musste er erkennen. Den richtigen vertrauten Umgang mussten beide noch lernen, indem sie sich besser kennen lernten, bevor sie sich vertraut wirklich vollkommen erkennen konnten, musste Raimund denken und wachte auf aus seinem Traum.
   Schöner Traum von ihr. Wieder ein Erlebnis mit ihr, das beiden in all den Jahren der Getrenntheit abgegangen war, dachte Raimund und schaute auf die Uhr, um festzustellen, dass er aufstehen musste, um in die Arbeit zu gehen. Die harte Realität, die ihm die Erinnerung und das Nachgefühl dieses Traums erträglich machte.
   Neben ihm lag Doris, sein Fegfeuerliebchen, dem er von diesem Traum nichts erzählen durfte. Denn davon wollte sie nichts wissen, wie sie immer wieder erklärte, wenn er den Versuch machte, darüber zu sprechen. Aber "wovon das Herz voll ist, läuft der Mund über." (Matthäus 12, 34)

 

Die Kunst des Dietrichs
   Als Kind fertigte ich einen Dietrich an und öffnete Schlösser. Dabei war es nicht meine Absicht, etwas zu klauen oder geheime Sachen auszuforschen, sondern die Freude bestand einzig und allein darin, Schlösser mit meiner Kunst des Dietrichs zu öffnen. Wenn das Schloss offen war, war dies für mich Erfolg genug. Und sodann war es für mich ein weiterer Erfolg, das Schloss mit dem Dietrich wieder zu schließen, ohne weiteren Schaden anzurichten.
   Genauso war mein Sexualleben. Ich befleißigte mich der Kunst des Dietrichs. Ich hatte Freundinnen, zu denen ich nicht den wahren Schlüssel der Liebe hatte. Es bereitete mir Freude, meine Kunst des Dietrichs anzuwenden, ohne weitere Absicht zu schaden. Die Schwierigkeit war dann wieder die Angelegenheit zu einem "Abschluss" zu bringen ohne weiteren Schaden. Die Wahrheit ist, ich möchte diese Erfahrung des Dietrichs nicht missen.
   Wie sich denken lässt, ist ´s mit dem Dietrich ein "Gestöpsel", weitab von vollkommener erotischer Freude. Eine solche hätte ich gehabt, wenn ich meinen einzigen Schlüssel zum passenden Schloss verwendet hätte. Doch an diese vollkommene Freude glaubte ich nicht recht, weil ich Angst vor dem Danach hatte. Ich wollte die wahre Freude bis in die Ewigkeit ausgedehnt, unvergänglich genießen.
   So befleißigte sich der Don Juan immer wieder des Dietrichs, vor allem deswegen, weil ihm der Zugang zum wahren Schloss irgendwann einmal verwehrt war. Diese Entbehrung und die Unversöhntheit mit der Liebsten war das Leid meiner Promiskuität. Zum Glück schenkte mir Gott den inneren Schlüssel zu meiner wahren Liebe, so dass ich jetzt die echte Liebe genießen kann immer wieder unentwegt.

 

Gustav Bürger oder der verhinderte Spießer
   Gustav Bürger haderte mit seinem Schicksal. Er hatte dieselbe Diagnose wie ich, nämlich die halluzinatorisch paranoide Schizophrenie. Wie bei mir war es möglich mit Medikamenten den Gehirnstoffwechsel so zu regulieren, dass diese Krankheit weggedämpft war. So war ein klares gesundes Denken dank der geeigneten Medikamente möglich, die erst Mitte der 1950er Jahre entdeckt worden waren. Und doch bestand die Gefahr, dass die Krankheit die Oberhand gewann. Dann musste die Dosis dieser Antipsychotika erhöht werden oder andere Wirkstoffe dieser Art gewählt werden. Es war immer wieder eine stationäre Behandlung notwendig. So wurde Gustav schon mehrmals in seinem Leben zurückgeworfen. Es war ihm nicht möglich sein Volkswirtschaftsstudium abzuschließen, er musste sich als Hilfsarbeiter verdingen, wenn es ihm nicht gelang, einen angenehmeren Job zu bekommen. Immer wieder, wenn er sich hochgerappelt hatte, verlor er seinen Job, weil er wieder krank wurde, und er musste von vorne anfangen.
   Gustav fühlte sich unschuldig. Warum musste gerade ihn diese geächtete Krankheit immer wieder treffen. Er hatte schon als Student eine soziale Einstellung, wie er mir versicherte, und hatte ein Herz für die Armen, die nicht so privilegiert waren wie er als Student. Er wollte sich doch nur das Leben eines biederen Spießers aufbauen. Eine Frau finden, ein Haus bauen oder kaufen, zwei Kinder und ein Auto für sich und eines für seine Frau. Er wollte doch nur zufrieden bieder dahinleben mit zwei bis drei Urlauben im Jahr in einem angesehenen Beruf in geachteter Position. War das zu viel verlangt? Er war sich wirklich keiner Schuld bewusst. Und dann immer wieder diese Krankheit, die ihn aus dieser Laufbahn herausriss.
   Gustav Bürger glaubte tief innerlich an Gott. Aber weil ihn Gott mit dieser Krankheit immer wieder schlug, rächte er sich an ihm, indem er das Dasein Gottes bezweifelte. Er war aus der Kirche ausgetreten. Trotzdem ging er immer wieder abends zum Taizé-Gebet in die Münchener Paulskirche und genoss diese durchgeistigte gemeinschaftliche Atmosphäre, die Gott erahnen und spüren ließ. Auch besuchte er Gottesdienste, wobei er jedes Mal nach der Predikt das Gotteshaus verließ. Denn immer, wenn er in all diesen Zusammenkünften, Gott erfühlte, strafte er Gott, indem er dieses Angerührtsein auf Autosuggestion zurückführte. Alles nur Einbildung, meinte er. Jedenfalls "nix gwiß weiß man", wie der Bayer sagen würde. Egal wie Gott sich bemerkbar machte. Es ließ sich immer als Einbildung und Halluzination abtun. Es konnte immer sein, dass er ein Wirken Gottes, das er zu bemerken erspürte, nur ein Placebo-Effekt der Wunschvorstellung war. Auch nahm er sich Zeit zur Besinnung und Meditation. Wenn ihn Gott anrührte, auch im Gebet, - denn hin und wieder betete er, - so tat er diese sacht-zarte Verbindung mit Gott als autogenes Training ab.
   Gustav stellte die Theodizee-Frage für sich: Wie kann es einen guten Gott geben, wenn er ihn immer wieder in diese salonunfähige Krankheit fallen ließ? Er hatte nichts verbrochen und trotzdem wurde er so hart geschlagen. Da verdiente es Gott, dass er an ihm zweifelte. Er wollte doch nichts anderes sein als ein ganz normaler Spießer. Warum ließ Gott das nicht zu?
   Während mein Freund Gustav Bürger von Spießerarbeit träumte, hatte ich in meiner Jugend geträumt von einem Leben ohne Arbeit im Amüsement mit Bea, meiner hartnäckig fortwährenden Liebe, ohne störende Kinder. Als Unternehmer wollte ich andere für mich arbeiten lassen. Im Gegensatz zu Gustav Bürger kam ich mir nicht schuldfrei vor. Meine Krankheit diente meiner Bekehrung. Weil unsere alten Träume ein Gemeinsames hatten, nämlich den Genuss von Annehmlichkeiten, scherzten wir hin und wieder darüber, was uns alles verwehrt war aufgrund unserer Krankheit. Gott verwehrte uns den Porsche, das Haus mit Garten, die Yacht, den mehrfachen Fern- und Wellness-Urlaub. Gustav hatte immerhin ein Auto, wenn auch einen kleinen Popel-Mercedes, wie er meinte. Jedoch ein Porsche und ein geräumiger Luxus-Mercedes war ihm wie mir verwehrt. Und so malten wir uns in der Phantasie aus, was uns alles an Luxus fehlte. Wir überzeichneten derart, dass unausgesprochen klar wurde, dass wir um keinen Deut glücklicher wären als jetzt, wenn all unsere Phantasien Wirklichkeit wären. Ich dachte mir insgeheim: Vielleicht ist das Schweben in diesen Luxusphantasien viel schöner als eine realisierte Wirklichkeit.
   Die Liebe zum anderen Geschlecht hatte Gustav wie ich schon mehrmals erfahren. Aber im Gegensatz zu mir gab es aus all diesen lustvollen Begegnungen keine Favoritin bei Gustav. Ich vermutete zwar, es gäbe sie doch bei ihm. Nur war Gustav wie viele Zeitgenossen wohl Meister im Verdrängen einer solchen herausragenden Liebe, weil eine solche ihn zu sehr schmerzen würde, da sie jetzt unzugänglich ist.
   Gustav war im kleinen Rahmen wohl situiert. Er bewohnte eine Eigentumswohnung und hatte, wie gesagt, einen kleinen Mercedes, er hatte eine Rente und Mieteinnahmen, von denen er gut leben konnte. Er musste im Gegensatz zu mir nicht arbeiten. Er hätte das Leben in Muße genießen können, doch dazu war er nicht fähig, weil ihm das Über-Ich der Gesellschaft einredete, er müsse arbeiten, um ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Darum suchte er sich immer wieder einen Nebenjob in der Kundenwerbung über Telefon. Das machte er nicht, weil er das Geld brauchte, sondern nur um den Spießerforderungen seines Über-Ich zu genügen. Zwar kümmerte sich Gustav um seine alte Mutter. Doch das genügte nicht dem Über-Ich.
   Ich sagte zu ihm, vielleicht sei seine Schuld, die Gott missfiel, dass er ein Spießer sein wolle. Gott ließe das biedere Spießertum bei ihm, Gustav, nicht zu. Gustav schien das zu beherzigen, nicht weil ich ihm das sagte, sondern wohl, weil Gott ihn darauf brachte. Obgleich sich ein gewinnträchtiger Job angeboten hatte, bewarb er sich ehrenamtlich zur Essensausteilung bei der Armenspeisung der Franziskaner im Münchner Lehel. Sie konnten ihn brauchen. Und so putzt er zwei Mal in der Woche die Toiletten und teilt Essen aus. Auf die Frage, wie es ihm damit gehe, sagte Gustav, diese Arbeit erfülle ihn mit tiefer Freude.
   So kommt Gustav zu einer weiteren Gotteserfahrung über den Dienst an denen, denen es bei weitem schlechter geht als ihm. Er erlebt, ohne es zu wissen, göttliche Freude. Ich bestärke ihn auf seiner Nicht-Spießer-Laufbahn. Denn dem Spießertum genügt die unentgeltliche Arbeit nicht. Weil der Spießer sagt sich: Das kann ja jeder. Dem Spießer ist eine Arbeit so viel wert, soviel dafür bezahlt wird. Sich um seine alte Mutter kümmern und um die Benachteiligten, ohne Geld zu bekommen, gilt vor dem Spießer nichts. Doch zuletzt lacht nicht der, der dem Spießer gefällt, sonder der, der Gott gefällt.

 

Heinz Benecke
   Warum er in die forensische Psychiatrie geraten war, darüber sprach er nie. Wahrscheinlich aus Selbstschutz. Auch von anderen war darüber nichts zu erfahren. Es war auch nicht wichtig. Dieser leidende Mann, dessen Gesicht einen Verlierer unserer Gesellschaft ausdrückte, war mir sympathisch, weil seine Miene so maskenlos ungekünstelt offen sprach. Da bedurfte es keiner Worte, um von seinem Leben zu erfahren. Auch seine gebückte unförmig-hinfällige Gestalt wies ihn als Verlierer aus.
   Mir war dieser Mensch lieber als jene geschniegelten Siegertypen, die sich mit mir freilich nicht abgaben, weil ich für ihr Fortkommen keinerlei Vorteile bieten konnte. Heinz redete wenigstens mit mir in einer Zeit, als ich noch nichts anderes als die vage Hoffnung auf ein besseres glücklicheres Leben hatte.
   Es war eine Begegnung von Versagern auf dem Gelände der Haarer Psychiatrie, die nichts darstellten und von vielen verachtet waren, mit denen Normale nichts zu tun haben wollten, vielleicht weil diese Normalen selbst ihre Abgründe erahnten. Hier durfte ich so sein, wie ich war. Von mir wurde nichts gefordert. Die Miene durfte traurig sein, die Kleidung schlottrig, meine Haare ungewaschen strähnig. Ich durfte ein Aussehen haben, das der Spießer oder die Spießerin seit den 1980er Jahren pauschal mit dem Wort „ungepflegt“ verurteilte. Der andere Leidensgenosse hingegen hatte Verständnis, weil er sich ebenso fühlte. Dass ich es zu nichts gebracht hatte, war für Heinz kein Thema.
   Freilich hatte ich eine Wohnung außerhalb und fuhr immer wieder wegen der lockeren ungezwungenen Menschen nach Haar bei München. Auch um mich mit meinem Freund Hubert Weigl zu treffen, der mich mit Heinz Benecke bekannt gemacht hatte.
   Heinz Benecke allerdings ging es noch schlechter als mir. Er musste auf dem Haarer Gelände wohnen und vormittags arbeiten, wofür ihm so wenig bezahlt wurde, dass er mit seinem Geld nicht ausreichte. Keine Gewerkschaft nimmt sich der Interessen dieses Prekariats an, das unter Ausbeuterlöhnen geringer als im Manchaster-Kapitalismus zur Deppeles-Arbeit gezwungen ist, um sich Bier und Zigaretten leisten zu können, nach denen die Unglücklichen und Gedemütigten süchtig sind.
   Ich, der ich mit dem Rauchen aufgehört hatte und mich niemals auf Alkohol eingelassen hatte, erklärte Heinz immer wieder, dass er aus seiner Arbeitstretmühle entkäme, wenn er nicht rauchen und Alkohol trinken würde, denn dann sei er nicht auf diesen miesen Job angewiesen, könne aussteigen und nur von der staatlichen Stütze leben. Er bräuchte sich diese Ausbeutung nicht gefallen lassen. Heinz bekam nämlich eine staatliche Stütze, weil er von dem geringen Lohn seiner Arbeit nicht hätte leben können, selbst wenn er wie ein Asket gefastet hätte. Im Manchaster-Kapitalismus konnten die Arbeiter wenigstens ihre Grundbedürfnisse, wie Essen, Wohnung und Kleidung von ihrem Lohn einigermaßen bezahlen, was mit dem himmelschreiend geringen Lohn von Heinz nicht möglich war. Darum brauchte er eine staatliche Stütze, denn sterben wollte ihn die Solidargemeinschaft auch nicht lassen aus einem Rest von Humanität heraus.
   Das staatliche Steuergeld brauchten im größeren Maße die beträchtlichen Gehälter der Arbeitsaufseher auf. Für die Löhne der Armen blieb kaum etwas übrig. Freilich rechtfertigten sich die Arbeitsaufseher damit, dass ihr Geld von einem anderen staatlichen „Topf“ käme, was aber kein gültiges Argument ist, weil beide „Töpfe“ von der Solidargemeinschaft des Staates oder der Gemeinde befüllt werden. Dem Prekariat wäre mehr geholfen, wenn diese Deppeles-Arbeit abgeschafft würde und ihm das Geld direkt gegeben würde. Dann wären die Aufseher überflüssig und ihre beträchtlichen Gehälter stünden den Armen zur Verfügung. Die Aufseher freilich verstehen ihre Interessen durchzusetzen im Gegensatz zum Prekariat, das ohne Interessenvertretung ist.
   Heinz fühlte nur leidend seine schwache Position gegenüber diesen Arbeitsaufsehern, die ihn zu dieser miesen Arbeit zwangen. Er konnte sich nicht darüber ausdrücken, weil er wegen des Alkohols unfähig war, zu denken und sein ganzes Elend in dieser Sucht ertränkte. Da er aufgrund dieser ausbeuterischen Ungerechtigkeit mit seinem Geld nicht auskam, steckte ich ihm jedes Mal, wenn ich ihn traf, einige Münzen zu mit den Worten, dass er dieses Geld nicht bräuchte, wenn er von seiner Sucht abließe. Anstatt nun Argumente mit mir gegen diese Suchtmittel zu suchen, was seinen Ausstieg erleichtert hätte, suchte Heinz immer Argumente dafür, die ich aber alle entkräften konnte.
   Mit meiner Freigiebigkeit handelte ich nach dem Wort Jesu: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon.“ So versicherte mir Heinz, dass ich für ihn ein wirklicher Freund sei. Denn Freundschaft besteht nicht nur aus schönen Worten, sondern auch aus Hilfe und, wenn nötig, aus finanzieller Unterstützung, wie mein Philosophieprofessor, Elmar Treptow, mir auf den Weg gegeben hatte.
   Als es Heinz gesundheitlich noch schlechter ging und sein nahe bevorstehender Tod zu erahnen war, sagte ich zu ihm: „Ich habe dir immer ein wenig Geld gegeben. Falls du gestorben bist und bei Gott bist, dann sorge, bitte, dafür, dass mir das Geld nie ausgeht. Denn ich meine, so ist das Verschenken von Geld eine bessere Geldanlage als bei einer Bank oder Versicherung.“
   Heinz haderte im Stillen damit, ob für ihn die Wirklichkeit nach dem Tod so günstig ausginge. Einzig sprach er immer wieder darüber, wie Jesus Christus verlacht und angespuckt wurde, wenn er über Gott sprach. In ihm hatte er den besten Leidensgenossen. Für eine Glückseligkeit hielt er sich nicht für würdig, weshalb er sich eigentlich nur Leidfreiheit, also das Nichts nach dem Tod wünschte.
   Ich setzte dagegen, dass jeder, wenn er es nur wolle, zu Gott und in den Himmel komme, früher oder später. Es sei nur eine Frage der Zeit, die er brauche, um sich gänzlich zu läutern. Im Übrigen würde Gott den Weg dahin kräftig unterstützen, denn Gott habe die Menschen zum Glücklichsein erschaffen, wofür die Metapher „Himmel“ stehe.
   Diese Ansicht hatte ich mir nach dem Lesen vieler Bücher gebildet, und ich meine immer wieder, ich müsse davon den Menschen mitteilen. Heinz las gar keine Bücher. Auch keine Zeitung, worin eh wenig Heilsames steht. Meiner Meinung nach.
   Weil ich auch so eine alte verlorene unglückliche Liebe habe, die nicht rostet, fragte ich Heinz einmal danach, ob es für ihn auch eine gäbe, die ihm die Liebste sei. Er ging tief in sich und holte aus dem Innersten die alte Erinnerung hervor und meinte nachdenklich: „Ja…, - aber die war sehr schlimm. – Sehr schlimm.“
   Diese Antwort, dass diese Liebste „schlimm“ war, gab mir zu denken und regte in mir einen neuen Gedanken in meiner philosophischen Theorie über die erotische Liebe an: Das Schicksal eines Menschen hängt nicht nur von seinem Milieu, seiner Genetik oder seinem Willen ab, wie die bisherigen Theorien besagen, sondern ist auch reziprok-korrelativ zu seinem Idol, also zu seiner Liebsten. Denn der Mensch steht in Wechselwirkung mit seinem Idol. Wenn die Liebste sich, wie bei Heinz, „schlimm“ verhielt, so hatte das Auswirkungen auf ihn, auf seine Gedanken und auf sein Verhalten. Und davon war sein Schicksal bestimmt.
   Ich besprach diesen neuen Gedanken mit Heinz durch und fand Zustimmung. Auch ihm wurde dadurch vieles klar.
   Wenige Wochen später erfuhr ich von meinem Freund, Hubert Weigl, dass Heinz Benecke gestorben war. Mochte er jetzt versöhnt mit seiner Liebsten in ungetrübter Freude und Lust zusammen sein, wünschte ich ihm und wandte mich mit dieser Bitte an Gott.
   Was das Geld betrifft, so hatte ich bisher immer mein Auskommen. Es bleibt mir sogar ein wenig übrig, dank der jenseitigen Hilfe von Heinz.

 

Auf der Suche nach fortwährender Wonne mit Bea
   Von meinen Eltern war ich nur anerkannt, wenn ich gute Noten hatte. Diese fielen aber nur mittelmäßig aus, obgleich ich mich anstrengte und unentwegt lernte. So musste ich unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden, zumal mir von meinen Eltern eingepflanzt wurde, aus mir müsse etwas Großartiges werden. Die Folge war ein übergroßer Geltungsdrang. Ich glaubte, nur wer die Führung hat, ist anerkannt und damit geliebt. Weil aber die Geltung mit guten Noten, die ausblieben, nicht zu machen war, nahm ich mir vor, einmal unermesslich reich zu werden. Wie einer das anstellt, lehrte mich niemand. Darum machte ich mir darüber meine eigenen Gedanken. Ich geriet in Größenphantasien und betätigte mich in der Schülerzeitung und einer Partei politisch, aber nicht, um in irgendeiner Weise zur Verbesserung der menschlichen Verhältnisse beizutragen, sondern nur um zu erkunden, wie ich reich werden könnte. Ich wusste eigentlich gar nicht, was ich wollen sollte, außer reich zu werden.
   Weil mich die pseudokatholische Moral meiner Eltern beengte, leugnete ich anlässlich der Lektüre von Sigmund Freud das Dasein Gottes mit fünfzehn Jahren. Jetzt war ich frei und konnte denken und machen, was ich wollte. Ich legte mir einen moralischen Nihilismus zu, bei dem ich keinen Wert anerkannte, außer der Liebe, und zwar der Liebe zu Bea, die mich zeitlebens nicht mehr loslassen sollte. Weil ich wünschte, dass die Lust zu Bea unaufhörlich währte, hatte ich vor dem „Danach“ Angst, da ein Koitus mit einer Ejakulation enden würde. Was wäre dann? Die Lust wäre vorbei. Auch wollte ich keine Kinder zeugen, weil dann etwas zwischen uns beiden wäre und wir die Verdrießlichkeit von Pflichten gehabt hätten.
   Weil ich den Himmel auf Erden mit Bea erleben wollte, überlegte ich jedes Wort genau, das ich zu ihr sagte, um nichts falsch zu machen. Ich erklärte damals nie die Liebe und machte auch keine Treueerklärung, weil ich der Meinung war, dass Liebe gelebt werden musste und nicht erklärt zu werden brauchte. Aus Erklärungen würden nur Forderungen gemacht wie zum Beispiel, „weil ich dich liebe, musst du mir treu sein“, oder „muss ich dir treu sein.“
   Bea und ich hielten beide nichts vom Heiraten, sondern wollten einmal unverheiratet einfach so zusammenleben, ohne dass wir uns das füreinander ausdrücklich erklärten. Obgleich ich für Bea die schönsten und intensivsten Gefühle hatte, nahm ich mir vor, auch mit anderen Mädchen sexuelle Erlebnisse haben zu wollen, um zu erfahren, wie sich das mit anderen anfühlt. Auch meinte ich, für Bea mehr wert zu haben, wenn ich bei anderen Mädchen Erfolg hätte. Auch sie bezog ihren Selbstwert daraus, von möglichst vielen begehrt zu sein. Sie war nämlich sehr schön. Auch sie wollte mit anderen ihre Erfahrungen machen, ohne dass wir ausdrücklich darüber sprachen.
   Weil ich Angst hatte, in einer Fremdsprache ein Wort nicht zu wissen, lernte ich die gesamte lateinische Wortkunde, den englischen Grundwortsatz mit Zusatzwortschatz, sowie die gesamte altgriechische Wortkunde. Weil der Englischlehrer sagte, er könne nicht sagen, welche Wörter man nicht wissen müsse, lernte ich darüber hinaus die ausgefallensten Englischwörter.
   Um das Unangenehme dieser Anstrengung mit dem Angenehmen zu verbinden, baute ich mir eine Bewusstseinswelt aus Wörtern auf, mit denen ich die Erlebniswelt mit Bea, meiner Liebe, ausgestaltete. Bei jedem Wort suchte ich, wo dieses mit all seinen Bedeutungen in meinem Erleben mit Bea zu finden sei. So vergeistigte ich mich immer mehr und geriet in eine Traumwelt. Obgleich ich die Liebe zu Bea als beglückend empfand, erschien mir doch das Geld als etwas Beständigeres als diese Liebe. So gab ich selbst meinen letzten Wert, nämlich die Liebe, auf.
   Nach einer Klassenfahrt nach London geriet ich mit siebzehn Jahren im Jahr 1974 in eine Psychose. Ich hörte Stimmen und wusste schier nicht mehr, wer unter den vielen Bewusstseinssplittern ich sei. Darum begab ich mich freiwillig in die stationäre Behandlung der Psychiatrischen Klinik in der Nußbaumstraße in München. Ich konnte mir nicht erklären, was mit mir los sei. Das wurde mir auch von keinem Arzt in dieser Klinik gesagt. Sie gaben mir zwei verschiedene Neuroleptika und schickten mich in die Beschäftigungstherapie, wo ich Tongefäße formte.
   Nach drei Monaten wurde ich aus der Klinik entlassen. Ich hörte zwar keine Stimmen mehr, war aber dumpf und äußerst schläfrig. Ich schlief zu Hause achtzehn Stunden am Tag. Mir kam alles öde und sinnlos vor. Aus der sinnentleerten Langeweile heraus begann ich mit dem Zigarettenrauchen und war nach vier Wochen süchtig.
   Die Schule konnte ich vorerst nicht mehr machen. Ich setzte ein Jahr aus, hatte aber den festen Willen damit fortzufahren und das Abitur zu schaffen. Weil mich nichts aus meiner Sinnkrise herausbrachte, versuchte ich es mit Cannabis. Vielleicht würde das meinen öden Geist beleben. So schluckte ich, wie ich es in Tausendundeiner Nacht gelesen hatte, ein Stück von diesem Rauschmittel. Und tatsächlich. Ich hatte das innere Offenbarungserlebnis, das mir zeitlebens zu denken gab. Ganz alleine mit mir schaute und fühlte ich die ewige Liebe zu Bea in einer unbeschreiblich beglückenden selbstgenugsamen Lust. Mir war klar, dass ich ein solches Erlebnis unter Cannabis nie wieder haben würde, sondern nur noch einen Abglanz davon. Trotzdem neigte ich nun an dazu, immer mal wieder, aber äußerst maßvoll, Cannabis zu mir zu nehmen. Ich wollte mir so wenigstens eine kurze Zeit der Freude gönnen, sehr wohl wissend, dass dies nicht der Weg zu bleibender anhaltender Wonne sei, sondern dazu vielmehr eine völlige Nüchternheit von Nöten sei. Auch wusste ich, dass das Rauschmittel meine intellektuellen Fähigkeiten einschränken würde. Ein Grund mehr, dass ich damit sehr vorsichtig war.
   Dem Alkohol hingegen konnte ich nichts abgewinnen. Er schnitt mich eher von meinen Gefühlswurzeln zu Bea ab. Darum trank ich nur äußerst selten Alkohol. Ein oder zwei Mal im Jahr. Wenn ich Bea vergessen oder verdrängen wollte, dann wäre Alkohol das richtige Mittel. Das wollte ich aber nie.
    Weil ich solch Himmel mit Bea unter Cannabis erlebt hatte, schien dahinter die Wirklichkeit mit Bea zurückzubleiben. Ich wusste nicht mehr weiter. Weil mir im nüchternen Bewusstsein immer öde war und ich sah, wie Bea es auch mal mit einem anderen versuchte, entschloss ich mich, zu einer anderen abzuirren. Das brächte Inhalt in mein sinnentleertes Dasein, das auch ein Dasein ohne Gott war.
   Die Abirrung gelang mir auch. Ich hatte jetzt bei dieser abgeirrten Sympathieliebe viel zu denken, zumal ich nicht Vater werden wollte. Bea trieb ich so vollends in die Arme des anderen. Sie meinte wohl, ich liebte sie nicht mehr. In Wahrheit liebte ich Bea nach wie vor, die andere mochte ich nur sehr gerne, weil sie sich mit mir abgab. Ich litt unter dieser falschen Liebe zu Susy. Darum war ich erleichtert, als sie sich von mir lossagte und sich einem anderen zuwandte.
   Mit Bea war nun kein Kontakt mehr. Ich begegnete ihr kaum. So irrte ich zu wieder einer anderen ab, zu Myriam. Auch sie konnte ich nicht lieben, weil ich in Wahrheit Bea liebte. Auch diese Beziehung währte nur ein knappes Jahr. Wir trennten uns in gegenseitigem Einverständnis.
   Mit Monika F. hatte ich dann in meinem Don-Juanismus eine einwöchige Beziehung. Ich musste ihr erklären, dass ich auch sie nicht lieben konnte. Sie nahm es gefasst und vergoss keine Träne bei unserer Trennung.
Bei all diesen Liebeleien erlebte ich mein Gefühl stets gespalten. Ich litt, obgleich ich meine Wollust hatte. Zweimal folgte während dieser Zeit eine psychotische Episode, wobei einmal ein stationärer Aufenthalt notwendig war.
   Das Abitur machte ich mit drei Jahren Verspätung im Alter von zweiundzwanzig Jahren. Obgleich ich seit meiner ersten Psychose zunächst nicht besonders viel lernte, bekam ich den Abschluss doch noch recht gut hin.
   Was nun folgte, war wieder eine Abirrung zu einer Französin, die ich noch zu Schulzeiten in London kennengelernt hatte. Dieses Mal war es eine Leidenschaft. Ich setzte Evelyne an Stelle von Bea. Meine wahre Liebe war völlig von Evelyne überdeckt.
   Als die Leidenschaft zu Evelyne abgebrannt war, wie ein Strohfeuer, blieb ich ernüchtert zurück und besann mich wieder auf meine echte Liebe zu Bea. Ich beschloss Bea anzurufen, musste aber erfahren, dass sie angeblich geheiratet hatte, während ich von Evelyne verblendet war. Sie hatte aber einen anderen als den, zu dem sie damals abgeirrt war, geheiratet. Mir wurde im Lauf der Zeit klar, dass dies keinesfalls ihre wahre Liebe war, sondern eine Verblendung, wie Evelyne vormals bei mir. Trotzdem war eine Verständigung mit Bea nicht mehr möglich.
   Ich hatte mir schon lange vorgenommen, diese Geschichte bis ins Alter von zweiundzwanzig Jahren in einem autobiographischen Roman niederzuschreiben. Darum machte ich in der Folgezeit immer wieder Versuche etwas zu Papier zu bringen, während ich meiner alten Liebe, die nicht rostete, nachtrauerte. Ich geriet mehrmals in eine Psychose und machte auch einen Selbstmordversuch.
   Was nun folgte war meine Identitätsfindung. Um meine Krankheit zu bewältigen, derentwegen ich Neuroleptika nehmen musste, studierte ich nach Umwegen Philosophie und Theologie und auch Germanistik. Auch beschäftigte ich mich mit Sprachen. Meine Freundin Susy hatte es damals bewirkt, dass ich Gott nicht länger leugnete, sondern ihn suchte. Durch mein Studium fand ich ihn immer mehr. Was mich leiden machte, war meine vertane Liebe zu Bea. Sie schmerzte mich, ob meiner Torheiten, die ich begangen und die mich von ihr entfernt hatten. Ich suchte mich in meinem Don-Juanismus mit anderen weiblichen Wesen zu trösten. Sie halfen mir über meine Trauer für kurze Zeit hinweg.
   Zwar schrieb ich an Bea immer wieder Briefe, die alle unbeantwortet blieben, bis sie mir einen Anwaltsbrief schreiben ließ, in dem sie ausdrückte, keine Briefe von mir mehr erhalten zu wollen. Ihr Nachname war wieder ihr ehemaliger Mädchenname. Also war ihre Heirat nicht von Bestand, denn damals musste die Frau noch den Nachnamen des Mannes annehmen. So war sie also wieder geschieden, wie ich folgerte.
   Selbstverständlich schmetterte mich der Anwaltsbrief nieder, dass Bea mein Werben damit gleichsam kriminalisierte. Obgleich den Straftatbestand des „Stalkings“ gab es damals noch nicht. Es hätte nicht viel gefehlt, dass ich mich umgebracht hätte, wenn ich nicht damals einen Obdachlosen kostenlos in meine Wohnung aufgenommen hätte, der mir einigermaßen fürs erste darüber hinweghalf.
   Mir war klar, dass ich für dieses Leben auf Bea zu verzichten hatte. Dass sie gleich zu solchem Mittel wie einem Anwaltsbrief gegriffen hatte, erklärte ich mir damit, dass ich ihrem damaligen neuen Liebhaber „ein Dorn im Auge“ war, und da sie Jura studierte, wie ich von anderen erfahren hatte, war sie eh in diesem Anwaltsmilieu. Vielleicht war der Anwalt ihr derzeitiger Freund. Wie auch immer. Ich grüble immer wieder schmerzhaft darüber nach, warum sie mich so verletzt hat. Mir wird auch mehr und mehr klar, dass ich sie mit meinem Don-Juanismus ebenso verletzt haben muss. Ihre Liebschaften schmerzten mich eigentlich gar nicht, weil mir immer klar war, dass es sich nur um Liebeleien handelte. Aber solch Anwaltsbrief, mit dem ich mich wie ein Krimineller fühlen muss, der tut weh.
   Im Jahr 1990 fand ich Doris, mit der ich bis heute eine zufriedene zärtliche Freundschaft habe. Ab da ging es mit meiner Stimmung aufwärts. Zwar weiß ich, dass meine wahre Liebe Bea ist, denn so, wie zu ihr, konnte ich zu keiner empfinden. Auch gründen mein Schönheitsideal und meine Weltanschauung auf Bea. Mit meinem "Fegfeuerliebchen", Doris, reißt das Gespräch nie ab. Auch bin ich zu ihr ganz offen, was meine Liebe zu Bea betrifft. Ich kann sagen, dass meine Beziehung zu Doris darum sinnerfüllt und zufrieden ist. Beide wollen wir keine Kinder und nicht heiraten. Darin stimmt Doris mit mir voll überein.
   Meine Liebe zu Bea habe ich in meinem autobiographischen Roman „Abirrung“ literarisch verwertet, zu dem ich einundzwanzig Jahre brauchte. Auch wuchs ich so mit meinem Werk und konnte meine Krankheit bewältigen. Ich ziehe in meinem Beruf als Schriftsteller meinen Stoff im Wesentlichen aus meiner Liebe zu Bea.
   2009 erfuhr ich aus dem Internet, dass Bea am 22. Oktober 2001 bei einer Naturkatastrophe gestorben ist. Obgleich mich die Nachricht durchbebte, konnte ich ihr auch Gutes abgewinnen. Die Beziehung mit Doris war jetzt nicht weiter belastet. Da Bea jetzt in der Geborgenheit Gottes war, konnte sie jetzt allgegenwärtig sein. Ich hatte sie schon, gerade um die Zeit 2001, ohne ihren Tod zu wissen, verinnerlicht. Jetzt fühle ich sie immer wieder in selbstgenugsamer Lust und Freude in mir. Das ist eine schönere Wonne als damals die innere Offenbarung unter Cannabis, die allzu nebulös war. Mit der gefühlten Bea in mir und meinem „Fegfeuerliebchen“, Doris, in meinem irdischen Leben bin ich von einem unglücklichen bedrückten Menschen zu einem im Urgrund heiteren Menschen geworden, der immer neue und andere Wonnen mit Bea innerlich erlebt. Auch sind jetzt, da Bea meine Gedanken wahrnehmen kann, wie mein religiöser Glaube sagt, ein Gespräch und eine Aussöhnung mit Bea möglich, je mehr, desto glücklicher werde ich mit ihr.
   So warte ich nach einem hoffentlich langen Leben, in dem ich alles, was ich mir vorgenommen habe, nach und nach niederschreiben kann, so warte ich also darauf, einmal wieder mit Bea leiblich zusammen sein zu dürfen, in der zweiten Chance, die Gott uns gibt.
   Bin ich, was den inneren Menschen betrifft zu einem Wohlbefinden und Heiterkeit gelangt, so lässt mein Einkommen noch zu wünschen übrig. Zwar habe ich gegenwärtig mein Auskommen, mir bleibt sogar etwas übrig zum Sparen. Trotzdem ist mein gegenwärtiges Einkommen noch weit unter dem Münchener Durchschnittseinkommen.
   Nachdem ich mein Studium 1994 im Alter von siebenunddreißig Jahren abgeschlossen hatte, war mir vor allem Freiheit im äußeren Erscheinungsbild wichtig. Mein freies Äußeres wollte ich nicht stutzen und Spießerkleidung auch nicht anziehen. So bewarb ich mich hauptsächlich nur für den zweiten Arbeitsmarkt, bei den Stellen, die für Psychiatrieerfahrene vorgesehenen sind. Ich musste auch gar nicht lange suchen und kam bei einer Druckerei unter. Ich wollte dort nach einiger Zeit eine Ausbildung zum Offset-Drucker machen, wurde aber wieder krank, weil ich zu wenig Medikamente nahm. So schaffte ich die Prüfung nicht. Weil der Chef mich nicht die Prüfung wiederholen ließ mit der Begründung, ich würde sonst wieder psychotisch, kündigte ich frustriert, obgleich er mich dort gerne weiter beschäftigt hätte.
   Dann genoss ich die arbeitslose Zeit, denn ich wusste meine Zeit immer zu nutzen. Dazu brauchte ich keine Erwerbsarbeit. Meine Mutter stellte mich ein als Haushaltshilfe zu meinem Auskommen. Nebenbei war ich ehrenamtlich Hausaufgabenhilfe bei einem muslimischen Verein.
   Dann fand ich auf dem zweiten Arbeitsmarkt bei der Diakonia in München eine Stelle in einem Gebrauchtwarenhaus. Ich war zuständig für die gebrauchten Bücher. Dort wurde mir so wenig bezahlt, nur 3.- Euro Dumpinglohn in der Stunde, dass ich ohne die Unterstützung meiner Mutter nicht hätte leben können.
   Ich sah mich um und fand eine Stelle als Schulbegleiter eines behinderten Jungen. Die Bezahlung war so, dass ich zur Not ohne meine Mutter auskam. Ungefähr 500.- Euro im Monat im Jahr 2006. Diesen Job wurde ich aber wieder los, weil ich wieder ein wenig psychotisch wurde.
   Nach einiger Arbeitslosigkeit, in der es mir nie langweilig war, kam ich dann zu einer Stelle auf dem Wertstoffhof. Ich bewarb mich dafür, weil ich das Entsorgen von Müll als ethisch äußerst wertvoll erachtete. Auch hatte ich bei dieser Stelle völlige Freiheit in der Entfaltung meiner Persönlichkeit. Zudem wurde ich immer fitter. So sagte mir die Tätigkeit voll zu. Nur die Bezahlung mit 5,83 Euro Dumpinglohn in der Stunde im Jahr 2009 bei der Regenbogen gGmbH in München war zu gering, um damit zufrieden zu sein und die Anerkennung der Gesellschaft zu bekommen, geschweige denn, nur davon leben zu können.
   Ich blieb in Kontakt mit dem behinderten Jungen, für den ich früher Schulbegleiter war. Ich betreute ihn und seine zwei Brüder unentgeltlich in den großen Ferien. So kam es, dass mich der Vater des behinderten Jungen auf dessen Wunsch erneut als Schulbegleiter berief. Somit hatte ich zum ersten Mal einen Beruf, denn ich war berufen worden und hatte nicht um meine Beschäftigung ansuchen müssen. Verwaltungsmäßig wurde ich dazu beim Malteser Hilfsdienst angestellt, also auf dem sogenannten "ersten Arbeitsmarkt". Die Bezahlung ist erträglich gering, aber immerhin keine Dumpingbezahlung wie auf dem zweiten Arbeitsmarkt.
   Mit meiner Schriftstellerei werde ich wohl bald das Nötige hinzu verdienen. Weil mein Traum immer war, Unternehmer zu sein, habe ich für meinen autobiographischen Entwicklungsroman „Abirrung“ erst gar nicht lange nach einem Verlag gesucht, sondern ich habe mein literarisches Werk selbst verlegt. Das war im Jahr 2010.  Im Jahr 2014/2015 veröffentlichte ich das mystisch philosophisches Werk "Freie Liebe und Wahrheit: Die Philosophie der Rückfindung", das sozusagen das mystische "happy end" zu meinem jahrzehntelangen Liebeskummer darstellt.
   Ich enthalte mich mittlerweile aller Genussmittel unserer Zivilisation, also nehme nie Alkohol, Nikotin, Koffein und Thein zu mir. Ich nehme auch keine illegalen Drogen zu mir und ernähre mich vegan. Mit meinen Arbeitstätigkeiten bin ich synthym. Ich fühle mich wohl, gesund, leistungsfähig und belastbar, obgleich ich gegenwärtig zur Psychoseprophylaxe noch zwei Wirkstoffe in geringer Dosis zu mir nehmen muss, nämlich weniges des hochpotenten Neuroleptikums Haloperidol und eine geringe Dosis des atypischen Neuroleptikums Quetiapin.
   Wenn ich mir eine volkstümliche Diagnose meiner Erkrankung stellen wollte, so würde ich einfach und klar verständlich für jeden sagen: "Jahrzehntelanger Liebeskummer". Diesen habe ich überwunden durch die innere Aussöhnung mit Bea. Denn die Verstorbene spüre ich in mir. Immer wenn ich mich abends schlafen lege, fühle ich innere Freude und Lust mit dieser meiner inneren "femme fatale" und bin auf diese Weise sexuell zufrieden, wobei ich vollkommen enthaltsam bin, was mir mittlerweile leicht fällt. Mit der Hilfe Gottes hat sich auf diese Weise verwirklicht, was ich zeitlebens anstrebte, nämlich fortwährende Wonne mit Bea.

 

Die vergraulte Geburtstagsgesellschaft
   Diese Suchtstengel wollte ich nicht schenken. Denn mitschuld an Liliths Sucht wollte ich nicht werden. Auch diese Süßigkeiten aus Verlegenheit hätten mich mitschuldig gemacht. Lilith war übergewichtig. Also brachte ich drei große Packungen Vitaminsaft mit. Das wirkte zwar „gesundheits-apostelig“, war aber dafür von wirklichem Nutzen. Ich selbst wäre froh über ein solches Geschenk anstatt der üblichen Dickmacher.
   Wie erwartet, erregte diese Gabe bei ihr keine spontane Begeisterung. Hätte ich ein aufblitzendes Freudegefühl bei ihr erzeugen wollen, so hätte ich ihr Zigaretten schenken müssen. Dass Raucher früher sterben, wie auf der Schachtel geschrieben steht, ein solch aufkommendes Bedenken hätte allerdings die aufblitzende Freude bei ihr wieder gedämpft. Auch bei Schokolade wäre das anfängliche Hochgefühl durch die aufstoßenden Bedenken wieder zunichte geworden. So aber war es umgekehrt, statt Hochgefühl, das zunichte wird, ein nachhaltiges gutes Gefühl. Denn Lilith wollte ja ihre Süchte loswerden, worüber sie sich immer wieder Gedanken machte, aber „der Geist ist willig und das Fleisch ist schwach.“ - Ganz anders das Geschenk meiner Freundin Doris. Ein Quarkkuchen. Aus Liliths Blick strahlte Wohlgefallen, das sich aber sogleich legte, weil schon so viel Kuchen da war.
   Am Geburtstagstisch, wie angekündigt, begegnete ich Christa. Ich kannte sie aus dem Psycho-Café. - Ihr gegenüber saß Ulla, eine Freundin Liliths, mir unbekannt. Ärztin im Ruhestand. Ebenfalls psychiatrieerfahren, wie sich im Gespräch herausstellte. – Auch Detlef war zugegen an der Schmalseite des Tisches. Er hatte erst vor kurzem eine psychotische Episode hinter sich. Dass er schwul ist, fällt mir immer als erstes ein, wenn ich ihn sehe. Er mag mich nicht besonders, weil ich ihn einmal „schwule Sau“ genannt habe. Ich habe mich zwar später entschuldigt. Aber die Abneigung blieb. Ich bin vorsichtig mit ihm, weil mir sein Charakter nicht so ganz geheuer ist. Ich weiß nicht, wie weit ich ihm unrecht tue; mir hat er noch nichts Unrechtes getan. Da kann ich mich nicht beklagen. Aber er hat so ein abstoßendes Gesicht für mein Empfinden. Ich meine immer, diese abstoßenden Gesichtszüge müssen ihre üblen Ursachen haben. - Zuletzt sei genannt Bertrand, der Freund von Lilith. Mir sehr sympathisch. Mit ihm würde ich gut ins Gespräch kommen. Da freute ich mich schon.
   Doch zunächst galt es für mich, dieses lästige bedrängende Anbieten von Kaffee und Kuchen abzuwehren. Ich will ja nie so viel Aufhebens machen mit meiner Bewandtnis und meinen Grundsätzen, aber ich musste auch diesmal wieder breit erklären mit aller Begründung, warum ich Kaffee und Kuchen nicht zuträglich für mich hielt. Kuchen tut mir Übergewichtigem nicht gut, darum habe ich mir seit der Jahreswende vorgenommen, keinen mehr zu essen. Dann musste ich das versuchende Argument entkräften, warum ich keine Ausnahme machen wollte bei solchem Anlass, mit meiner Begründung, dass ich da meinen Bann durchbreche, der es mir mit der Zeit immer leichter macht, von derartigem fern zu bleiben. Beim Kaffee musste ich erst breit über die Schädlichkeit von Koffein dozieren, weshalb jemand am besten gar kein Koffein zu sich nehmen sollte. Und auch kein Thein, stellte ich auch gleich klar, damit ich nicht ersatzweise zu Schwarzem oder Grünem Tee genötigt würde. Außerdem sei ich koffein- und theinsüchtig, weshalb ich mich gänzlich vom Suchtstoff enthalten muss mit der Begründung, weshalb das so ist. (Wegen des Suchtgedächtnisses.)
   Ich beschäftigte die ganze Gesellschaft mit diesem Thema. Was ich sagte, wusste jeder, der es wissen wollte. Wie mache ich es nur, dass meine Enthaltsamkeit unbemerkt bleibt und nicht bei jeder Gesellschaft zum Thema wird, weil ich mich damit immer erst gegen die Widerstände der anderen durchsetzen muss? Das ist jedes Mal nervig und raubt Kraft. Im Grund genommen, weiß jeder, dass ich es so richtig mache und er besser daran täte, auch so zu verfahren. Immer dieser Terror des Gruppenzwanges.
   Am liebsten hätte ich gar nichts zu mir genommen, denn ich war vom Mittagessen her satt, und Durst hatte ich auch keinen, weil ich zu Hause reichlich Wasser getrunken hatte. Aber Feste stehen immer unter dem Zwang, dass man etwas zu sich nimmt. So, als bestehe die ganze Festfreude im angenehmen Essen und berauschenden Getränken und nicht, wie es eigentlich sein sollte, in der Aufgeschlossenheit füreinander. Denn der Geist macht das Fest aus, der im offenen Gedankenaustausch besteht. Freundschaften zu vertiefen und neue Freunde zu gewinnen, ist die Festfreude. Diese Gedanken behielt ich für mich und brachte es dahin, mit Wasser, - mittlerweile meinem Lieblingsgetränk, vorlieb nehmen zu dürfen, was wieder auf Unverständnis stieß und darum erst begründet werden musste. So war also dem Gruppenzwang genüge getan, bei einem Fest etwas zu sich nehmen zu müssen.
   (Seitdem ich enthaltsam lebe, geht es mir besser. Ich fühle mich so wohl, wie nie zuvor im Leben. Darum will ich dabei bleiben, nicht aus Selbstzweck. Die törichten Menschen meinen: Ohne Genussmittel kein Genuss. Ich erfahre es umgekehrt. Mit Genussmittel ein Leiden, ohne Genussmittel der Genuss eines inneren Wohlbefindens. Natürlich gilt beim Übergang zu dieser Genussmittelabstinenz der Ausspruch Benedikts XVI: „Nur die Freude, die durch den Schmerz geht, ist die wahre Freude.)
   Was ich in langen philosophischen Studien durchdacht und dann verwirklicht habe, um meinem psychischen Leiden zu entkommen, behielt ich für mich. Ich musste nicht die anderen damit nerven. Ich musste mich nur immer wieder daran erinnern, während die anderen redeten, nachdem ich meinen unfreiwilligen „Auftritt“ hatte. So mochte ich vielleicht äußerlich nachdenklich umwölkt gewirkt haben, während ich die Probleme der anderen anhörte. Jemand mochte vielleicht von meinem Gesichtsausdruck den Eindruck haben, als sei ich nicht so recht glücklich, was aber nicht stimmte. In Wahrheit war ich guter Stimmung mit reichlichem Selbstwertgefühl, weil ich schon einiges bewältigt hatte, womit die anderen noch kämpften. Mein Gesicht spiegelte vielmehr die Schwierigkeit wieder, den anderen in ihrer Problematik zu helfen, zu deren Lösung ich Wissen hatte, aber nicht mitteilen konnte, weil der jeweilige Mitmensch seine psychischen Widerstände haben würde. Lieber wollte der Mensch in diesem erträglich leidenden Zustand bleiben, mit dem er einigermaßen zurecht kam, als sich auf unbekanntes Neuland begeben, von dem er nur erahnte, dass es zum Wohlbefinden führen könnte. Darum schwieg ich, wenn ich nicht Verständnisfragen stellte.
   Da war Christa. Sie hatte Kunstgeschichte studiert, - auch in Paris, und hatte mal ein Buch aus dem Französischen übersetzt. Dergleichen wollte sie wieder machen. Anscheinend unternahm sie zu wenig, um an Aufträge zu kommen, wie zum Beispiel mit der Pariser Literaturszene Kontakt aufzunehmen. Da mochte sie das Phlegma ihrer psychischen Krankheit hindern.
   Ich wechselte mit Lilith einige Worte. Sie hatte immer wieder ihre Schaffensekstasen, in denen sie viele Bilder nacheinander malte. Die meiste Zeit dachte sie darüber nach, wie sie ihre seelische Krankheit überwinden könnte. Weil die Gefühle dabei meist unangenehm waren, rauchte sie und neigte dazu, zu viel zu essen, weshalb sie an Übergewicht litt. Sie wollte beides ändern und meinte, wenn sie sich dem Zwang einer Erwerbsarbeit unterwürfe, ginge es ihr besser. Ich zweifelte insgeheim, ob sie sich auf Dauer solcher Disziplin unterwerfen könnte, solange sie rauchte. Denn das Rauchen blockierte sie, wie andere der Alkohol blockiert. Ich riet ihr darum, sie solle erst mal mit dem Rauchen aufhören, dann würde sich das andere von selbst fügen.
   Ulla, die Ärztin im Ruhestand, sprach gar nicht über ihre psychischen Probleme. Sie schwieg sich gänzlich aus darüber, was in ihr vorging. Sie fand es wohl nicht schicklich, über ihre Leiden zu jammern. Da ihr anscheinend nichts Erfreuliches einfiel, war sie still und hörte mit leidender Miene den Klagen der anderen zu.
   Jetzt, nachdem ich mich der Anliegen der einzelnen Geburtstagsgäste angenommen hatte, steuerte ich im Gespräch auf Bertrand zu, den Freund Liliths. Ich fragte nach: „Was machen deine Bewerbungen.“ Denn, dass Bertrand, der ein entsprechendes abgeschlossenes Studium hatte, sich um eine gutbezahlte Erwerbsarbeit bemühte, wusste ich von der letzten Zusammenkunft.
   Er antwortete: „Ich hatte ein Vorstellungsgespräch für eine Arbeit, bei der ich Daten erheben und eingeben sollte. Mir sagt diese Arbeit aber nicht zu, weil sie doch eine recht subalterne Tätigkeit ist. Da wär´s mir ganz lieb, wenn sie absagen würden“, schloss Bertrand.
   „Nun ja, ich denke um die „Ochsentour“ kommt man nicht drum rum, wenn man irgendwo anfängt. Zuerst lassen sie einen die Arbeit machen, die keiner gern machen will. Ich meine, du musst ja nicht für alle Zeit dabei bleiben“, gab ich zu bedenken.
   „Ich meine schon, wenn ich dort anfange“, entgegnete Bertrand.
   Ich wechselte ein wenig das Thema, indem ich provokant sagte: „Wieso bewirbst du dich eigentlich um Spießerjobs? Du bist doch eigentlich gar kein Spießer?“
   Bertrand mit seinem abgeschlossenen Studium erklärte: „Ich will weg von Hartz IV und gut verdienen.“
   Nun sprach ich von mir und meinem Problem, das auch Bertrands Problem war, nachdem ich zuerst den Vorteil meiner Erwerbsarbeit ausgemalt hatte: „Bei meiner Erwerbsarbeit auf dem Wertstoffhof habe ich eigentlich völlige Freiheit in dem, was ich sage und wie ich mich kleide. Wir haben eh unsere bequeme rote Arbeitskleidung. Ich brauche nicht herumzuspießern. Insofern taugt mir die Tätigkeit sehr. Ich habe meinen Sport und werde noch dafür bezahlt. Allerdings viel zu wenig. Nur 5,83 Euro Dumpinglohn in der Stunde. Das ist ärgerlich.“
   „Mir wäre das zu wenig. Ich will eine anspruchsvolle Tätigkeit machen“, stellte Bertrand klar.
   „Mir ist´s auch zu wenig, aber mir fällt nichts anderes ein, was ich Lukrativeres machen soll. Mir ist vor allem die Freiheit wichtig. Da wo der Wertstoffhof gelegen ist, sind auch zwei Firmen, in die die Angestellten in Spießerkleidung spießern. Die verdienen selbstverständlich alle ein Vielfaches von mir, haben aber keine Freiheit, wie ihre Spießerkleidung zeigt. Es wäre mir eine Genugtuung in meiner lockeren Kleidung mehr zu verdienen als sie, aber das ist mir bis jetzt nicht gelungen. Wieso willst du auch so ein Spießer werden? Da ist´s doch freier, du bleibst bei Hartz IV.“
   „So wenig Geld ist auch keine Freiheit“, meinte daraufhin Bertrand.
   Ich wechselte ein wenig das Thema, blieb aber bei der leidigen Bezahlung: „Wenn ich mich kostenlos beraten lasse von einem Sozialpädagogen oder Psychologen beim Sozialpsychiatrischen Dienst oder beim Arbeitslosenzentrum, dann wäre mir mehr gedient, wenn ich das Geld hätte, was die Beratung den Staat kostet, als das unnütze Blabla. Das schafft mir auch kein Geld herbei. Ich meine, der Staat sollte das Geld lieber direkt den Psychiatieerfahrenen geben, als diesen Wasserkopf finanzieren. Da wäre uns mehr gedient. Diese Leute sind überflüssig. Die verdienen nur an uns Psychiatrieerfahrenen.“
   In dieser These fand ich Bertrands volle Zustimmung. Er sprach von seinen politischen Bemühungen diesbezüglich: „Ich bin bei den Münchner Psychiatrieerfahrenen dabei und anderen Organisationen, die sich für uns Psychiatrieerfahrene einsetzen. Da war ich erst kürzlich in einer Veranstaltung mit vielen Sozialpädagogen. Denen sagte ich, dass uns mehr gedient sei, wenn wir das Geld, das für ihre Gehälter aufgewendet wird, direkt bekämen. Der zweite Arbeitsmarkt finanziert vor allem die Funktionäre. Die psychisch kranken Betroffenen müssen sich mit Dumpinglöhnen abfinden. Man sollte den Wasserkopf abschaffen und das Geld direkt den psychisch Kranken geben. Die hätten mehr davon. - Die Sozialpädagogen fühlten sich auf den Schlips getreten und meinten, was ich hier suche, sie hätten mich besser nicht eingeladen. - Denen geht’s nur um ihre Interessen und um den Erhalt ihrer Privilegien!“
   Das sprach aus, was ich mir immer schon dachte. Endlich jemand, der genauso dachte. Ich war ganz angeheizt, als ich mit größerer Lautstärke sagte: „Im Westen gilt immer das Tun als das Problemlösende. Es wird die Ideologie des Heils in der Arbeit vertreten, man müsse die Kranken zur Arbeit anhalten, (auch wenn sie nicht viel bringt,) dann würden sich ihre Probleme lösen. Ich halte es mehr mit der fernöstlichen Philosophie. Das Heil liegt mehr im Unterlassen, nämlich im Unterlassen des Verkehrten, wie Alkoholtrinken, Rauchen, zu viel essen und so weiter. Ich brauche keine Erwerbsarbeit, um meine Zeit zu füllen. Ich weiß mich gut zu beschäftigen. Mir ist´s so kaum langweilig. Langweilig ist´s mir nur immer in meiner Erwerbsarbeit, gleichgültig, ob ich gerade etwas tue oder Pause mache. Im Gegenteil, wohler ist mir, wenn ich nichts zu tun habe.“
   Wir redeten uns beide hitzig. Ich verstieg mich auch noch zu der These: Die meisten Probleme ließen sich mit Geld lösen. Da sei Beratung und Therapie völlig überflüssig. Die anderen Gäste fühlten sich unwohl, weil wir in unserem unfriedlichen Eifer in immer größer werdender Lautstärke unsere kritischen Thesen von uns gaben. Meine Freundin Doris begab sich mit Lilith auf den Balkon, um ungestört von unserer Laustärke Erfreulicheres miteinander zu bereden. Nur Ulla, die Ärztin blieb unverändert sitzen und fühlte sich sichtlich unwohl. Sie brach als erste auf, viel zu bald. Es sei ihr alles zu viel. Und sie war auch sogleich verschwunden.
   Obgleich ich ihr Unbehagen bemerkt hatte und auch das Unbehagen der anderen Gäste, war ich so in hitzigem Eifer, dass ich mit Bertrand unverändert weiterlamentierte. In ausführlichsten Variationen sagten wir immer wieder dasselbe, worin wir uns beide einig waren, dass wir so recht hatten. Wir eiferten lautstark und aufgeregt gegen die unsichtbare Partei der Sozialfunktionäre.
   Als nächstes machte sich Detlef davon, und weil wir uns immer noch nicht mäßigten, brach schließlich auch Christa auf. Dieser Unfrieden, den wir verbreiteten, drückte bei den seelisch Angegriffenen aufs Gemüt. Auch wenn wir teilweise recht haben mochten, wurde diese unmäßige Lautstärke als unangenehm empfunden. Meine Freundin Doris, mit der ich noch gar nicht geredet hatte, denn wir hatten ja sonst viel Zeit zusammen zum Reden, meldete sich vorsichtig und machte mich darauf aufmerksam, was ich mit Bertrand angerichtet hatte. Trotzdem, unangenehm berührt durch das Entschwinden der Gäste, palaverten Bertrand und ich weiter, vielleicht um unsere eigenen unguten Gefühle zu überspielen.
   Mit Doris blieb ich noch verhältnismäßig lang bei Lilith und Bertrand, wobei wir beiden Männer uns unwillig aus unserer unfriedlichen Rechthaberei lösen wollten, obgleich uns die entschwundenen Gäste zu denken gaben.
   Auf dem Nachhauseweg und in unserer Wohnung erklärte mir meine Freundin Doris ausführlich, was ich bei dieser Zusammenkunft alles falsch gemacht hatte. - Ich hätte die Problematik in gedämpfter Lautstärke besprechen sollen, so dass die anderen, ungestört von uns beiden Hitzköpfen sich unterhalten hätten können. Wir hätten jegliches andere Gespräch mit unserem hitzig-lauten Reden unmöglich gemacht. Ich ging in mich und wurde mir meines Charakterfehlers, der Cholerik, bewusst, die ich schon lange versucht hatte abzutrainieren. Aber dieses Mal waren mir, wie auch Bertrand „die Gäule durchgegangen“. - Anstatt „gesundheitsapostelig“ mit breiten Vorträgen die anderen zu nerven, hätte ich einfach sagen sollen: „Ich vertrage keinen Kaffee und Kuchen.“ Das hätte die Gesellschaft akzeptiert. Daran zweifelte ich zwar ein wenig, nahm mir aber vor, es das nächste Mal so zu machen. - Im Übrigen sei ich völlig selbstbezogen und ginge gar nicht auf die anderen ein. Doris hatte mir schon oft dieses Fehlverhalten vorgeworfen, meine Neigung zur Egozentrik. Auch diese wollte ich als Charakterfehler abtrainieren.- Ich war ihr dankbar über ihre beratenden Worte, die mir halfen, das Geschehene zu verarbeiten, denn „hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine kluge Frau, die ihm sagt, was er falsch macht.“

 

1. Warum Raimund lange Haare hat und daran festhält
Kapitel aus dem entstehenden  Roman „Lange Haare“
   Es ging ihm schlecht. Heute, morgen oder übermorgen, es würde sich nichts ändern. Er, Raimund, lag im Bett. Es war helllichter Tag. Die Welt draußen ging ihren Gang. Was sollte er darin anfangen, er mit seinen langen Haaren. War es nicht so, dass ihn die Betriebseigentümer als Angestellten ablehnen würden, ihn, mit seinen langen Haaren. Was sollte er machen? Selbst Unternehmer werden? Das hatte er sich in seiner Jugend vorgenommen, weil er unermesslich reich werden wollte. Das kapitalistische Wirtschaftssystem hatte seinen Bestand. Es würde sich nicht ändern, trotz 1968. Die Gesetzlichkeit dazu lag in den Menschen und in den Sachverhalten. Jedenfalls um etwas wirtschaftlich unternehmen zu können, brauchte er Kapital zum Investieren. Also sparen. Das würde sich nicht ändern. Selbst bei den alternativen Betrieben war dies nicht anders, die es in Wirklichkeit gar nicht gab, weil wirtschaftliche Betriebe nicht anders funktionieren, als eben dies in der Realität der Fall ist. Das würde sich nicht ändern. Außerdem, wo waren denn die Schönredner von 1968, schafften sie etwa alternative Betriebe? Nein, sie schnitten sich ihre Haare kurz, zogen sich spießig an und biederten sich an, um einen Arbeitsplatz bei irgendeinem Kapitalisten zu ergattern. Um wirtschaftlich zu bestehen, schienen ihm nur zwei Möglichkeiten gegeben, entweder Ausgebeuteter oder Ausbeuter. Auf jeden Fall mitmachen bei diesem Wirtschaftssystem und sich die Haare schneiden. Aber damit war der Sündenfall geschehen. Raimund überlegte: Wie auch immer, wenn die Achtundsechziger und die Hippies ihre langen Haare beibehalten hätten, sähe die Welt besser aus. Denn in den langen Haaren war die gute Seele, das Ideal, das die Gestutzten weggeschnitten und damit aufgegeben hatten. Wie das Äußere so das Innere. Beschnittenes, eingeengtes Äußeres bedeutete ein eingezwängtes unfreiheitliches Inneres. Freilich, das Beibehalten der Haare und des Bartes hatte Widerstände, wollte erst durchgefochten sein. Er musste sich behaupten und durchsetzen. Lautete nicht die Alternative: Entweder lange Haare oder Geld. Oder besser: Entweder Gott oder der schnöde Mammon. Kein Mensch kann zwei Herren dienen, sagte Jesus Christus, der auch lange Haare und Bart hatte. Allein schon die äußere Erscheinung von Jesus Christus bestärkte ihn, dass er auf dem richtigen Weg war. Was das finanzielle Auskommen betraf, meinte Jesus Christus: Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und alles Übrige wird euch hinzugegeben. Das war´s: Das Reich Gottes suchen, die glückliche Gesellschaft, ein glücklicher Mensch werden. Doch wie sollte er das erreichen? Er war unglücklich, fühlte sich in seiner Existenz auf lange Sicht bedroht, wenn er nicht einen Gelderwerb fände. Freilich wurde er von den Eltern reichlich unterstützt. Solange sie lebten. Doch dann? Es wäre zu einfach, der Weg des geringsten Widerstandes, die Haare zu schneiden und sich an das Spießertum anzupassen. Der Freiheit ginge er dann verlustig. Haareschneiden bedeutete, all die schönen Erinnerungen mit Bea aufzugeben, die wahre Schönheit, die Freiheit in der Erscheinung zu verlieren. Das ersehnte Reich Gottes zu verlieren.
   Reich Gottes, Himmelreich oder Weltrevolution oder Nirwana, all diese Begriffe standen für Glücklichsein, für ein friedliches freundliches Zusammenleben der Menschen, sie standen für die ideale Gesellschaft, in der keiner den anderen beherrscht. Die Herrschaftslosigkeit oder Anarchie war das Ideal. Der einzige, der den Menschen obwalten sollte, war für Raimund Gott. War es nicht so, dass Mitmenschen, die die Leitung Gottes nicht anerkannten, nach menschlicher Herrschaft suchten. Sie brauchten stets eine Autorität, fragten bei allen menschlichen Zusammenkünften nach dem Verantwortlichen, nach dem Leiter. Wer Gott als höhere Macht nicht anerkannte, suchte nach menschlichen Machthabern, die ihm sagten, was zu tun war.
   So waren die Menschen, die immer nach Autorität suchten. Raimund würde sie nicht ändern können. Und wie stand es mit ihm selbst? In seiner Jugend hatte er aus Minderwertigkeitsgefühl heraus den starken Drang, der Führer zu sein, die Persönlichkeit, auf die alle blickten, nach der sich alle richteten, die das Sagen hatte, einhergehend mit unermesslichem Reichtum. Eigentlich wollte er dies alles überdenken und Philosophie studieren. Doch sein Vater meinte, Philosophie sei eigentlich eine Lumperei, sie führe zu keinem rechten Beruf. Gemeint war Gelderwerb, um sich durchzubringen. Er müsse etwas studieren, mit dem sich Geld erwerben lasse. So hatte er sich zunächst für Mathematik und Physik entschieden, um Lehrer zu werden. Doch damit geriet er in die Sinnkrise. Standen Lehrer im Leben, kannten sie das Leben, kannten sie die Arbeitswelt? Er würde etwas lernen, das er mit möglichst guten Zeugnissen nachzuweisen hatte, um das Gelernte wieder zu lehren, die Schüler wieder zu prüfen, um ihnen Zeugnisse zu verpassen. Wo war da der Sinn, wenn er gar nicht wusste, wo im Leben dieses Wissen seine Anwendung fände, ja mehr noch, ohne dieses Wissen für seinen Lebensvollzug zu benötigen, außer eben es zu lehren und wieder einzufordern und dafür Geld zu bekommen. War solcher Beruf nicht eine sinnentleerte Existenz? War es nicht viel sinnvoller über die richtige Lebensführung, über die Wirklichkeit etwas zu lernen? Vor allem sich damit zu beschäftigen, wie er von seinem unglücklichen Bewusstsein zu einem glücklichen Bewusstsein gelangte? Die Schwermut wegen dieser falschen Studienwahl lastete so stark auf ihm, dass er dieses Studium nach zwei Wochen aufgab. Die Sinnlosigkeit dieser Berufsaussicht, Lehrer, und die Aussichtslosigkeit mit den beiden Wissenschaften, Mathematik und Physik, über sich und seine Probleme etwas zu erfahren, lähmten ihn. Er war deprimiert, schwermütig.
   Er, der unschlüssig war, sich selbst finden musste, unglücklich war, konnte nur in Philosophie Sinn finden, um eine Lösung für seine mentalen Probleme zu finden. Doch Philosophie zu studieren, verwehrte ihm sein Vater. So besann er sich auf das Vorhaben in seiner Jugend, ein Wirtschaftsmagnat zu werden. Darum entschloss er sich, Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Damit hatte er zunächst ein gutes Gefühl. Für jetzt war nichts zu tun. Das Semester würde erst im Mai beginnen. Er hatte Zeit zu lesen. Das, was er aber las, waren Philosophen. Er verstand wenig, weil er sich die Begriffe erst zu eigen machen musste, doch dieses geheimnisvolle Weben des Geistes reizte ihn, Seite um Seite voranzudringen. Philosophie beschäftigte sich mit dem Wesentlichen eigentlich Wichtigen des Lebens.
   Die Hauptfrage, die sich stellte, war seine anhaltende Liebe zu Bea. Immer wieder vergegenwärtigte er sich glückliche Situationen mit ihr, aus denen ihre Zuneigung, ihre Liebe sprach. Verliebt war er in das Gefühl, das diese Begebenheiten begleitet hatte. War diese Liebe wahr? Wurde sie im Grunde von Bea erwidert? Er hatte gefehlt, sich gegen die Liebe versündigt. War es da verwunderlich, dass sie ihn jetzt ablehnte und kein Weg zu ihr führte. Sein Fehlverhalten, das den Zugang zu ihr unmöglich gemacht hatte, schmerzte ihn. Oder täuschte er sich in dieser Liebe. Würde die große Liebe ihm noch bevorstehen? Sie hatte ja gesagt, er solle sich eine andere suchen. Was war die Wahrheit? Wie war seine innere Offenbarung zu deuten? Was war die Lösung? Würde er weiterhin von einer zur anderen irren müssen? Jedenfalls in seinen langen Haaren war das Gedächtnis dieser Liebe aufbewahrt. Solange sie lang wären, wäre er ihr seelisch treu. Mit seinem Bart wuchs seine Erkenntnis und Weisheit. Auch er sollte frei wachsen. Lange Haare und Bart sollten ihn auf dem Weg des Guten halten. Was damit verwehrt war, konnte nicht gut sein. Doch verwehrt schien so ziemlich alles. Der Pfad der Tugend war eben schmal. Auch Manager zu werden, war ihm verwehrt. Oder war es möglich, trotzdem ein reicher Mann zu werden? Glaubte er dem Weisheitsbuch Salomos im Alten Testament der Bibel, schloss Weisheit Reichtum nicht aus. Im Gegenteil, sie bedingten sich. Es musste möglich sein, mit dem Guten reich zu werden. Und reich werden wollte er nach wie vor. Das einzige auf dem Weg dazu, was er tun konnte, war Schreiben, Gedanken entwickeln, die zu einem glücklichen Leben führten. Der einzige Beruf, der ihm im Guten machbar erschien, war der des Schriftstellers. Alles andere hatte irgendwo einen Pferdefuß. Doch würde er gut genug schreiben können? Würde er die Fertigkeit des Schreibens sich erwerben können? Stoff hatte er. Die Geschichte mit Bea und die Abirrung von ihr. Mit diesen Begebenheiten war er schwanger und dieses Kind im Inneren bereitete ihm Schmerz und Leid.
   Und wieder kreisten seine Gedanken um Bea. Wie konnte er nur die Wahrheit dieser Liebe ergründen? Er suchte Rat in der Droge. Er wollte wieder einmal Haschisch rauchen. Sein Bruder Bernhard und dessen Freund Klemens Flußner bauten diese Pflanze an. Sie waren wohl gerade im Haus. Er stand auf von seinem Lager, durchquerte das Bad nebenan, machte die wenigen Schritte den Gang entlang, öffnete die Tür zum Dachboden und stieg hinauf zum Mansardzimmer seines Bruders. Dort waren die beiden Freunde versammelt. Sie begrüßten sich. Raimund war immer willkommen. Sie hatten beide ein vielsagendes tiefgründiges Grinsen aufgesetzt, waren beide nicht so ganz da in der Realität.
   "Wir haben THC hergestellt. Willst du mal probieren?" machte Bernhard den Vorschlag.
   "Was ist denn THC?" richtete Raimund erkundigend die Frage an die beiden Freunde.
   "Das ist der Wirkstoff von Haschisch“, gab Klemens zur Auskunft.
   "Und? Wirkt es?" fragte Raimund die beiden, die sich anscheinend diese Droge zugeführt hatten.
   "Nicht schlecht“, meinte Klemens.
   "Dann will ich es natürlich auch mal versuchen. Ich muss die tiefere Wirklichkeit erkunden“, gab Raimund auch gleich die Begründung, warum er zu dieser Droge greifen wollte.
   "Das Bewusstsein weitet sich intergalaktisch“, antwortete ihm Klemens.
   "Intergalaktisch“, wiederholte Raimund.
    "Ja, intergalaktisch“, bestätigte Klemens.
    Über dieses Wort „intergalaktisch“ musste sich Raimund mokieren, denn, dass das Bewusstsein unter diesem Rauschmittel in irgendeiner Weise mit den Bereichen zwischen den Milchstraßen der Sterne im Weltall verbunden wäre, war natürlich nicht der Fall. Intergalaktisch war halt ein großartig klingendes Geschwätz, wie sich Klemens insgeheim auch bewusst war. Wenn Raimund vor sich ganz ehrlich war, musste er sich eingestehen, wenn er mit seinem gesunden Menschenverstand die Sache überdachte, dass diese Rauschmittel nur den chemischen Stoffwechsel im Gehirn verändern, so dass die Inhalte, die sowieso schon im Hirn sind, nur verzerrt werden, also unwahr gemacht werden. Wenn er Rauschmittel welcher Art auch immer nahm, machte er sich etwas vor. Krass aber wahr ausgedrückt, er belog sich selbst. Und doch war jenes sich selbst Belügen so schön. Den Zustand unter Cannabis genoss er jedes Mal. Es waren die einzigen Zeiten in denen er einigermaßen glücklich war. Er wusste auch sehr wohl, dass wenn er ein glückliches, heiteres Bewusstsein erreichen wollte, er an sich arbeiten musste, was bedeutete, sich darum zu bemühen, falsches Denken abzulegen, Charakterfehler aufzulösen. Dazu wären ihm die Mitmenschen mit ihrem berechtigten Tadel behilflich. Doch außer Klemens und Bernhard hatte er keinerlei Kontakte oder gar Freunde. Er war einsam.
   Bernhard und Klemens nahmen eine Filterzigarette, zogen mit einer Pinzette den Filz aus der Filterhülle heraus und ersetzten ihn durch einen zusammengerollten Papierstreifen, dann zogen sie eine Spritze mit einer bräunlichen Flüssigkeit auf und spritzten behutsam die Flüssigkeit nach und nach in den Tabak der Zigarette. Sie überreichten diese Raimund, der sie sogleich ansteckte. Der Rauch hatte einen ganz andersartigen Geschmack als Cannabis. Raimund sog ihn in die Lunge und hielt ihn dort eine Weile, bevor er ihn wieder ausstieß. Das Rauschmittel begann zu wirken. Eine Benommenheit stellte sich ein. Die Wirkung jedoch fühlte sich anders an als beim herkömmlichen Haschisch. Das Körpergefühl war ein wenig missstimmig. Einander bekämpfende, widersprüchliche Gefühle stellten sich ein. Sämtliche miesen Gefühle aus seiner sexuellen Vergangenheit mit Mädchen tauchten auf. Der ganze unaufgearbeitete Beziehungsschrott an Empfindungen kam zu Tage. Trotzdem war das Rauscherlebnis für ihn interessant. Es war etwas Neues im Tageseinerlei. Eine Abwechslung.
   "Na, wie wirkt´s?" erkundigte sich sein Bruder Bernhard, wobei er Raimund prüfend ansah, als wolle er die Wirkung aus ihm herauslesen.
   "Interessant, aber anders als Cannabis“, gab Raimund zur Antwort. Er war ziemlich zugedröhnt. Darum meinte er: "Ich leg mich jetzt ins Bett und meditiere auf die Wirkung. Ich muss zu neuen Erkenntnissen kommen." Er verließ den Raum, stieg die Treppe hinab, begab sich in sein Zimmer und legte sich ins Bett.
   Er hatte den widerstreitenden Gefühlen seiner Liebeleien standzuhalten. Das hatte er nicht gewusst, dass seine Abirrungserlebnisse solch unangenehme Spuren in der Gefühlswelt hinterlassen würden. Am schönsten und erfreulichsten wäre das reine Beagefühl gewesen, das er liebte. Doch diese selbstgenugsame glückliche Lust war gestört. Er bereute die Abirrung von Bea und doch wusste er keine Abhilfe, von dieser Schuld mit ihren Folgen frei zu werden.
   Ohne die Droge waren natürlich auch diese miesen Gefühle in ihm vorhanden. Sie waren aber verdrängt im Unbewussten und erzeugten sein unangenehmes Körperempfinden, unter dem er litt, und das er dem Neuroleptikum anlastete, das er zu nehmen hatte, denn er litt unter Schizophrenie. Seine Abirrung von Bea war noch nicht aufgearbeitet, eine Not-Wendigkeit, die Jahrzehnte brauchen würde. Die Droge verstärkte nur, was ehedem in ihm war.
   Raimund litt jetzt unter seinem Drogenzustand mehr als im nüchternen Zustand. Darum hatte er genug und wollte so schnell wie möglich wieder frei von diesem bewusstseinsverändernden Stoff sein. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen, um mit der Nikotinwirkung den THC-Rausch zu überdecken. Auch begann er literweise Wasser zu trinken, um all diese schlechten Gefühle auspinkeln zu können. Dennoch hatte er seinen Zustand zu ertragen, bis es allmählich draußen dämmerte, und er einschlief.
   Am nächsten Tag wieder nüchtern, hatte er das zerschlagene matte Gefühl eines Katers. Das Rauscherlebnis hatte nichts an neuer Erkenntnis gebracht, nur unangenehme Gefühle. Trotzdem würde er nach geraumer Zeit wieder zu Drogen greifen, nur um eine Abwechslung in seinem eintönigen Einerlei zu haben.
 

Schandtaten an Ines
   Einen Widerwillen gegen Ines, geradezu einen Ekel gegen sie versuchte Vroni in Raimund zu erzeugen, indem sie immer wieder denselben erdachten Grund der Verabscheuung vorbrachte. Ines habe ein Leibchen mit Strumpfhaltern an. (Das war nämlich damals Anfang der sechziger Jahre für kleine Mädchen aus der Mode gekommen. Denn für gewöhnlich trugen diese damals Baumwollstrumpfhosen.)
   Raimund, der noch keinerlei Vorlieben bei weiblicher Kleidung entwickelt hatte, für den Mode erst erlebt und erfahren werden musste, war darum dieser erdachte Grund der Verabscheuung vollkommen gleichgültig. Wenn, so ging ihn ein Mädchen in ihren Ansichten und Verhaltensweisen an und nicht in ihrer Kleidung, die sowieso nicht von dem Mädchen gewählt, sondern von den Eltern vorgegeben und aufgezwungen war. Und trotzdem brachte Vroni immer wieder diese Kleidungseigenheit von Ines vor. Doch Raimund wollte nicht recht darauf anspringen. Er verfiel nur in ergebnisloses Nachdenken.
   Ines geducktes verängstigtes schreckhaftes Verhalten zog die Demütigungen der Kinder im Kindergarten geradezu an. Wenn es beispielsweise darum galt, sich um irgendetwas in einer Reihe anzustellen, so wich sie beim Vordrängen der anderen zurück, machte Platz, damit diese sich vorschieben konnten. Auch Raimund war keine Ausnahme, sie auf diese Weise zu benachteiligen.
   Einmal schien im Gebüsch draußen im Garten ein Treiben im Gang zu sein. Auch Raimund zwängte sich hinter den Sträuchern durch. Da sah er, wie etliche Schaulustige sich daran weideten, als Ines am Boden lag, die Unterhose weggezogen, zwei Jungs der eine rechts der andere links betatschten sie. Sie schien zu verängstigt, um sich zu wehren oder gar zu schreien. Jetzt legte sich einer der beiden Jungs über sie.
   Raimund, der zunächst mit sadistischem Vergnügen zugeschaut hatte, wurde es jetzt mulmig. Wenn dieses schändliche Treiben von den Kindergärtnerinnen entdeckt würde! Und auch er für das sadistische Billigen dieser Schandtat zur Rechenschaft gezogen würde? Er schämte sich. Darum machte er sich davon und tat so, als habe er nichts bemerkt.
   In der Schule war Ines in derselben Klasse wie Raimund. Sie saß auf besonderen Wunsch der Lehrerin in der ersten Bank. Als einmal die Berufe der Väter der Schulkinder der Reihe nach zur Sprache kamen, stellte sich bei Ines ganz unauffällig heraus, dass nur die Mutter erwähnt wurde. Die Lehrerin, die sonst eigentlich von Raimund als alte Schreckschraube empfunden wurde, behandelte Ines mit besonderem Wohlwollen. Fehler sah sie ihr nach. Auch gab sie ihr gute Noten und lobte sie oft. Trotzdem hatte Ines unter den Mitschülern und Mitschülerinnen zu leiden. Sie wurde gemieden. Aber sie hatte eine Freundin, die fest zu ihr hielt.
   - Aus einer Laune heraus striff Raimund alleine, es war Winter, die Waldfriedhofstraße entlang. Eine geraume Strecke nach dem Luise-Kiesselbach-Platz vor einem Straßenbahnübergang machten sich Jungs zu schaffen, Eisplatten auf die Schienen zu legen. Sie wollten zusehen, ob vielleicht die Straßenbahn entgleisen würde. Raimund waren diese Buben als Fieser unangenehm bekannt. Trotzdem, um anerkannt zu werden, machte er mit bei diesem boshaften Treiben und legte auch Eisplatten auf die Gleise.
   Da kam Ines des Wegs, sie wurde von dem Klüngel sogleich angefegt. Darum nahm sie Reißaus, wollte über die Straßenbahnschienen. Da kam die Straßenbahn. Ines zögerte. Wusste nicht recht, sollte sie noch hinüber oder nicht. Unter dem Druck ihrer fiesen Verfolger wechselte sie vor und zurück. Die Bahn kam näher. Sie schrillte ganz unangenehm zur Warnung. Ines konnte sich immer noch nicht entscheiden, sollte sie vor den Gleisen stehen bleiben oder hinüber. Gerade setzte sie zum Überqueren an. Da erfasste sie der Triebwagen.
   Raimund erschrak, machte sich nach Hause davon. Wäre er doch nie von zu Hause weggegangen! Schuldgefühle stiegen in ihm hoch, weil er die Eisplatten auf die Schienen gelegt hatte und darum, wie er meinte, die Straßenbahn nicht mehr rechtzeitig zu bremsen vermocht hatte. Er war ein Mörder. Sogleich verdrängte er das Erlebte und die Mitschuld.
   In der Schule am nächsten Tag gab die Lehrerin bekannt, dass Ines von der Straßenbahn tödlich überfahren worden sei. Da meldete sich Inesens Freundin zu Wort und brachte vor: "Aber nur deswegen konnte die Straßenbahn nicht bremsen, weil böse Buben Eisplatten auf die Schienen gelegt hatten."
   Raimund bekam Angst, nun wegen dieser Missetat zur Rechenschaft gezogen zu werden. Doch die Lehrerin sagte nichts darauf. Sie ließ den Vorfall auf sich beruhen.
   Er verdrängte die Untaten, für die er nicht bestraft worden war. Und doch rumorte dieses Unrecht an Ines in den Tiefen seines Unterbewusstseins und mochte sich als Schwermut mit unbewusstem Grund noch Jahrzehnte später bemerkbar machen; bis er eines Tages ohne jegliche Ausreden der Schuldverdrängung zu diesen unrechten Taten und bösen Unterlassungen stand, indem er diese ohne die Ausflucht der Verjährung vor sein geistiges Auge ins Bewusstsein stellte. In stillem Gedenken bat er die verstorbene, einst unglückliche Ines um Vergebung, die nach Raimunds Glauben wohl jetzt bei Gott glückselige Entschädigung für ihre Demütigungen fand.
   Raimund bekam Antwort. Er vernahm eine sachte weibliche Stimme, die ein knappes, von jeder überflüssigen Rede freies Wort der Vergebung aussprach. Sogleich bemerkte er Erleichterung und seine Neigung zur Schwermut ging fürderhin merklich zurück.

 

Ein Zug steht still
Ein Leben in Schizophrenie
   Ich bin Fahrkartenkontrolleur, oder wie das heute heißt, Zugbegleiter; schon vorzeitig außer Dienst. Mir haftet nämlich eine Besonderheit an, von der ich nicht sagen will, sie sei ein Fehler oder Makel. Jetzt im Alter, versöhnt mit der Welt, Werden und Vergehen sehend, zur Weisheit gekommen, sehe ich, dass meine Besonderheit nur ebenso ein Makel ist, wie Linkshänder zu sein. Jemand ist anders als die meisten, aber deswegen nicht lebensunfähig; es kommt eben darauf an, dass er oder sie aus seiner Eigenheit das Richtige macht. Bei mir allerdings ist das weit schwieriger als bei der Minderheit der Linkshänder, denn ich bin so in der Minderheit, dass ich in meiner Minderheit ohne fremden Zuspruch und Verständnis bin. Ich habe noch nie jemand getroffen, dem es genauso geht wie mir, so dass ich ganz allein mit meinem Anderssein zurechtkommen musste. Mein Problem ist: Ich habe bei der Fortbewegung einen anderen Standpunkt als die Normalen. (Normal nenne ich die anderen deswegen, weil sie die vorherrschende Sichtweise darin, - nämlich was den Standpunkt der Fortbewegung betrifft, - haben.)
   Doch will ich jetzt noch genau erklären, was ich damit meine, dass ich einen anderen Standpunkt bei der Fortbewegung einnehme: Wenn ich gehe, so bewegt sich die Erde unter mir, durch meine Beine bewege ich den Boden an eine andere Stelle, ich selbst empfinde mich aber als ruhend. Oder wenn ich mit dem Zug fahre, so hält der Bahnsteig am Zug und nicht, wie es die Normalen sehen, der Zug am Bahnsteig.
   Diese Eigenheit, ich möchte sie Einsteinsyndrom nennen, war vorhanden, seit ich meiner bewusst war. Ich merkte aber bald, dass die Erwachsenen eine andere Auffassung darin hatten. Ich versuchte zu verstehen, doch es gelang mir zunächst nicht recht. So stufte man mich als zurückgeblieben ein. Ich besuchte die Hilfsschule, die später Sonderschule hieß und heutzutage Förderschule heißt. Langsam verstand ich, wie die Normalauffassung war. Für mich gab es schließlich zwei Sichtweisen. Ich sah, die anderen mit ihrer Normalsichtweise hatten es leichter im Leben. Sie eckten nirgends an. Mir wurde klar, dass ich mit meinem Hilfsschulzeugnis beruflich nicht sehr weit käme. Wenn ich mich mit anderen unterhielt, so verstanden sie mich nur, wenn ich mich ihrer Sichtweise anpasste. Kurzum, ich verdrängte die Weltsicht, die ich als Kind hatte und wurde ein Normaler. Schulisch wurde dieser Schritt belohnt: Es gelang mir ein Hauptschulabschluss.
   Eines aber entwickelte sich aus dem damaligen Entschluss: Ich war unheimlich interessiert an Bewegung. Ich konnte stundenlang den Verkehr beobachten. Das Fahren aller Art, Spazierengehen, Wandern, das alles machte mir Freude. So wählte ich denn als Beruf den des Fahrkartenkontrolleurs im Zug.
   Die Bewegung beim Zug war ein Mehrfaches. Ich bewegte mich im Zug, der Zug bewegte sich in Bezug auf das Land und ich wiederum im Zug in Beziehung auf das Land. Diese verschiedenen Bewegungsbezüge, die ich hier in der Auffassung der Normalen beschreibe, gaben mir Lust und Freude.
   Ich weiß nicht, wie es kam, ich war versonnen in die verschiedenen Bewegungsbezüge, ich schlief schlecht oder vielmehr gar nicht, plötzlich, -ich war im Zug -, verlor ich meine mir angewöhnte Sichtweise der Normalen. Ich hörte Stimmen in meinem Bewusstsein, die alle auf mich einredeten und meine Gedanken, die ich hatte, kommentierten. Sie sagten, ich solle mich doch zurückerinnern und alles wieder so wie als Kind sehen; ich solle durchsteigen, ich sei fähig das Universum richtig zu sehen und so weiter. Mit diesem unerklärlichen Bewusstseinszustand kam ich nicht zurecht. Ich verlor die Orientierung, ich sah keinen Ausweg. Da zog ich die Notbremse, und der Zug stand still.
   Es ging alles drunter und drüber. Ich fand mich schließlich in einer Psychiatrischen Klinik. Ich nahm Psychopharmaka. Die Stimmen verschwanden. Mir wurde alles fad und leer, alles ohne Zusammenhang. Ich war dumpf geworden.
   Zehn Jahre dauerte es, bis ich langsam wieder licht wurde. Da ich nun in Erwerbsunfähigkeitsrente war, mit vierzig schon, begann ich zu lesen, Bücher, von denen ich instinktiv glaubte, sie könnten mir weiterhelfen. Nach fünfzehn Jahren endlich, wusste ich wieder, wie ich die Welt als Kind gesehen hatte; doch die Welt bis in alle Konsequenzen hinein so zu sehen wie als Kind, gelang mir immer noch nicht.
   Heute endlich, ich bin achtzig, habe ich zur völligen Ruhe zurückgefunden; ich kann die Welt in beiden Sichtweisen sehen: So wie als Kind und so wie die Normalen. Mir gelingt es nun den gekrümmten Raum zu sehen, mein ganzes Sein auf einmal zu erfassen. Ich habe die Erleuchtung erreicht und weiß, dass mein Leben nicht anders verlaufen hätte können, darum bin ich mit der Welt versöhnt; denn ich hätte mit meiner Kinder-Weltbetrachtung allein die Weisheit nicht erreicht, sondern es war auch das Einleben in die Sichtweise der Normalen nötig. Ohne die moderne Psychiatrie mit ihren Medikamenten, hätte ich ungeheure Qualen erlebt, denn so plötzlich, wie alles auf mich eingebrochen ist, hätte ich es nicht verarbeiten können.

 

Römisch Roulette

 

  Nach dem Kalender zu „schlafen“ nennt sich in Intellektuellenkreisen spöttisch aber zu Recht „römisch Roulette“. Die römischen Kleriker ohne Praxis empfehlen Eheleuten, die die Kinderzahl beschränken wollen, dieses „Spiel“. Statistisch ergibt im Durchschnitt eine solche „katholische“ Ehe drei bis vier Kinder. Wer das so wünscht und wem das so gefällt, der mag so leben. Ich bin kein Glückseligkeitsdiktator, um anderen Menschen irgendetwas vorzuschreiben.

   (Ich habe nur erlebt, dass eine solche „katholische“ Ehe meiner Eltern sehr unglücklich war, wohl wegen der Wahl des falschen Partners. Meinem Vater wäre am liebsten geglückt, was mir geglückt ist, nämlich kinderlos zu bleiben, um sich ungehindert seinen Geschichtsstudien widmen zu können, so wie ich von Kindern ungehindert, ein Autorenleben führe. Meine Mutter hätte sich am liebsten sechs Kinder gewünscht. Die vier Kinder waren ein Kompromiss meinem Vater zuliebe, der kriegstraumatisiert stets unter Existenzängsten litt.)

   Was ist aber, wenn einer, wie ich, überhaupt keine Kinder zeugen will, aber trotzdem den Kirchenmännern gehorchen will, um nicht zu sündigen. Dieser muss nach dieser Logik des römisch Roulettes´ entweder überhaupt auf den Koitus verzichten, dann wäre aber eine katholische Ehe ungültig oder er muss zumindest eine Ejakulation in der Vagina unterlassen. Solch tollkühner Vorsatz kann aber misslingen, darum empfiehlt es sich auf jeden Fall, einen Koitus durch so gennannte „künstliche“ Verhütung abzusichern, dass sich Same und Eizelle nicht befruchten, wenn man praktisch denkt und handelt. (Die Verwendung der Spirale wäre potentielle oder tatsächliche Abtreibung, darum ist dieses Mordinstrument abzulehnen, meine ich.) Der römische Klerus ohne Praxis erklärt eine Ehe, bei der das mögliche Entstehen von Kindern künstlich ausgeschlossen wird, für ungültig. Darum hätte ich Bea(trice Steffes) (1959 – 2001) niemals katholisch kirchlich heiraten können, weil ich, verkürzt ausgesprochen, eine Fortpflanzungsphobie hatte und habe und deshalb immer künstlich verhütet hätte. - Sozusagen die Schwelle zu überschreiten und ein Kind zu zeugen, kommt mir nach meinem eigenen und von der katholischen Kirche unabhängigen Gewissen als Sünde vor. Die Kirche hat den Begriff „unbefleckte Empfängnis“, also meint sie, dass das Entstehen eines Kindes außer beim Zustandekommen der Jungfrau Maria, immer im wahrsten Sinne des Wortes mit (Samen-)Flecken verbunden ist.  - Flecken sind landläufig „peinlich“. Warum? Weil man sich dafür schämt. Und warum schämt man sich dafür? Weil man sich für die Flecken als Verursacher schuldig fühlt. Man fühlt sich schuldig wegen eines solchen Fleckes meiner Meinung nach deswegen, weil auch wirklich eine Schuld vorliegt, denn man sollte eigentlich nicht ejakulieren, wenn man kein Kind zeugen will. Im Übrigen ist Orgasmus, das trieblose wonnige innere „Verzücken“ im Geschlecht und Ejakulation zweierlei. Es gilt Glückströpfchen statt Ejakulation der Spermien. Außerdem: Sünde kommt von „absondern“ und beim Entstehen eines neuen Menschen, sondert sich das menschliche Paar von der übrigen, menschlichen Gemeinschaft in der Regel ab. Es muss sich allerdings nicht von Gott absondern, also sündigen.

   Dass ich meine einzige Liebe, Bea(trice Steffes), nicht geheiratet habe und auch sonst sie nicht sexuell „berührt“ habe, habe ich also richtig gemacht, weil ich mit Sicherheit keine Kinder zeugen wollte. Ich liebe Bea in ewig kinderloser Liebe. Das „Dazwischen“ eines selbstgezeugten Kindes würde mich ewig unglücklich machen. Und Bea als Beweis ihrer Liebe zu mir, ist bis zu ihrem Tod mit 42 Jahren kinderlos geblieben. Mein Traum ist, auf ewig mit ihr kinderlos zu lieben, ohne je zu heiraten. Aber wen oder was zu lieben? Die Antwort  ist: Gott zu lieben, der unsere Wonne ist. Das ist mir bis jetzt geglückt. Im Übrigen gilt laut Bibel: „Die Kinder der Kinderlosen sind Zahlreicher.“

 

   Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, zu Gott zu beten, kein Kind entstehen zu lassen und sich sonst um nichts zu bekümmern. Dieses Verhalten nenne ich, Gott fahrlässig auf die Probe zu stellen, was auch als Sünde gilt. Richtig ist aber, immer zu Gott zu beten, dass kein Kind entsteht oder nachträglich, dass kein Kind entstanden ist, falls man kein Kind will, aber Spermien ejakuliert hat in der oder einer Vagina. Sich einzig und allein dabei auf Gott zu verlassen, dass er fügt, dass kein Kind entsteht, weil man dies so wünscht und sonst nicht das Seine dazuzutun, dass nach menschlichem Ermessen kein Kind entsteht, wäre meiner Meinung nach Missbrauch Gottes, der wohl will, dass der Mensch seinen Verstand benutzt, um zum Gelingen eines Lebens ohne Kinder beizutragen.

   Ich persönlich bin der Meinung, man sollte grundsätzlich keine Glücksspiele spielen, weil das arm macht auf längere Zeit, wenn die Gewinnwahrscheinlichkeit geringer als 50 % ist, nach dem stochastisch mathematischen Gesetz der sogenannten „großen Zahl“, denn Glücksspiele schaden mehr, als sie nützen, laut Koran. Darum ist auch das „Glücksspiel“ „römisch Roulette“ nicht zielführend, kinderlos durch dieses irdische Leben zu kommen.

   Im himmlischen Leben gibt es trotz oder gerade wegen der unvergänglichen Freude und Lust dieses Problem „Fortpflanzung“ nicht. Auch die Frage „Trauschein“ oder nicht „Trauschein“ stellt sich im Himmel nicht, denn Jesus Christus behauptet: „Im Himmel wird nicht geheiratet.“ Wohl aber gibt es im Himmel für mich die unvergängliche Liebe zu Bea(trice Steffes). Und dieser „Himmel“ wirkt schon jetzt mit seiner Glückseligkeit in mein diesseitiges Dasein.

   Wie es mit der unvergänglichen Liebe bei meinen Zeitgenossen bestellt ist, muss ein jeder selber wissen. („Muaß a jeder selber wissn,“ pflegt mein Freund, Robert Herger, in solchen Fällen zu sagen, wie zum Beispiel, ob einer rauchen soll oder nicht, ob einer Bier trinken soll oder nicht. In Deutschland ist das alles erlaubt. Jeder muss selber wissen, wie er´s damit und mit der Liebe hält.) Da will ich kein Glückseligkeitsdiktator sein. „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, heißt es schließlich.

   (Um diesen Text schreiben zu können, habe ich fünfundfünfzig Jahre lang nachgedacht, seit meinem fünften Lebensjahr. Was ist wohl sein Tauschwert in Geld? Ich bin ein sehr langsamer, aber gründlicher Denker, also eine sehr geringe Leistung ist dieser Text, wenn man „Leistung“ nach ihrer physikalischen Definition als Arbeit pro Zeit rechnet.)

 

Entstanden an „Maria Lichtmess“ 2. Februar 2017 durch Einwirkung der Gnade Gottes.

© Raimund Fellner

www.raimund-fellner.de