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Roman "Abirrung"

 Abirrung

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Eine Rezension von Götz Zippert   * 13.04.1965   + 20.06.2012

Wahre und freie Liebe
Raimund Fellners autobiographischer Roman „Abirrung“

   Wahnwitziger Irrsinn ist der tägliche Wahnsinn. Hinzu kommt jetzt die "Abirrung", also das Abgleiten vom rechten Weg. Neben diesem Weg gibt es noch weitere Werte, die uns vom Autor, Raimund Fellner, präsentiert werden. Zentral sind die Freiheit und die Liebe, beide begleiten uns über das ganze Buch hinweg. Freiheit und Liebe schließen sich gemeinhin gegenseitig aus, außer man lebt die "freie Liebe" der 68iger. Dass sich dieses Konzept nicht gehalten hat, ist bekannt. Raimund, der Protagonist, versucht, beides unter einen Hut zu bekommen, was ihm letztendlich nicht gelingt. Das Buch lebt von Widersprüchen, so will Raimund sowohl Kapitalist werden, (um Macht und Reichtum, und damit auch Freiheit zu beschaffen,) als auch den Geist der 68iger leben.
   Nach den Theorien der Psychologie führen gelebte Widersprüche zu psychischem Stress. Dieser Stress kann nun zu Psychosen führen.
   Für den unkundigen Leser ist es schwierig, Psychosen zu erkennen. Ausdruck der Psychose ist Verfolgungs- und Größenwahn. Beim Verfolgungswahn, (gemeinhin Paranoia genannt,) glaubt der Kranke, dass ihm geschadet werden soll. Beim Größenwahn glaubt der Betroffene, dass er Fähigkeiten besitzt, die sonst niemand hat, so z. B. Telepathie. Der Autor beschreibt die Psychose sehr treffend, denn er hat sie selbst erlebt.
     Von der Psychose unterscheidet sich die "Abirrung". Der Begriff soll heißen: Verlassen des Weges, der zu Bea, seiner einzigen Liebe, führt. Bea ist mehr eine Idee, denn Realität. Sie ist aber der rote Faden in diesem Werk.
   Für die Abirrung gibt es mehrere Definitionen. So ist es gelebte Verneinung eines Wertes, der einzig wahren Liebe. Wahre Liebe ist hier verpflichtend. Auch führt Abirrung zu Orientierungslosigkeit, gelebt als Wahn. Wer abirrt, hat auf das falsche Pferd gesetzt. Es ist dann ein Leben ohne Norm und Sinn.
   Bea wird vom Protagonisten heimlich und verschämt beobachtet. Dabei entdeckt er jedes Mal neue Indizien, die ihn in seiner Liebe bestärken. Aber diese Liebe hat kein Fundament. Sie findet, so gut wie immer, im Kopf von Raimund statt. Ist er dann doch aktiv, wird er infantil. Raimund kann nicht reifen. Eine gepflegte Gemeinsamkeit zwischen Raimund und Bea gibt es doch. Beide lassen sich durch den Geist der 68iger leiten, abgesehen von Raimunds Kapitalisten-Phantasien. Dominierend aber bleibt Bea, die das Vorbild für Raimund darstellt.
   Viermal irrt Raimund von Bea ab. Er gerät jeweils in einen Liebeswahn, ausgelöst durch eine jeweils neue Beziehung zu anderen Frauen. Dieser Liebeswahn wird abgelöst durch eine Nüchternheit, mit der er wieder zu Bea findet. Doch bleibt Bea nicht greifbar. Sie ist ein Geist, der nur durch Raimund belebt wird.
   Ein ständig auftauchendes Moment ist die Schuld. Diese erscheint dann, wenn er von Bea zu anderen Frauen abirrt. Er versündigt sich gegenüber der "reinen" Liebe. Selbstgeißelung des Autors, mit dem Protagonisten identisch, kann hier nur geahnt werden.
   Der Protagonist will frei sein. Das ist sein zentraler Wert. Alle ihre Variationen werden von ihm abgehakt. So spricht gegen die Freiheit: Konventionen, die Armut, Erwachsene, Rangordnungen, Ideologien, Kinder, Beziehungen, Gesetze, Schicklichkeiten und schließlich das Heiraten.
   Was sich aus dem Werk ergibt: Der Mensch ist größtenteils nicht logisch. Es ist die "Chemie", aus der Evolution entstanden, die stimmig (oder auch nicht) ist. So lässt sich auch die "Liebe auf den ersten Blick" beobachten, die ohne Argumente auskommt. Auch Raimund wird von dem Vorurteil, das sich Liebe nennt, gefangen.
   Raimund Fellners autobiographischer Roman „Abirrung“ (456 Seiten) ist im Eigenverlag erschienen. ISBN 978-3-00-028916-3 www.raimund-fellner.de

Der Autor über sein Buch
In neuen ungewohnten sprachlichen Ausdrucksformen ist die Liebe in den 1970er Jahren dargestellt mit all ihren Torheiten. Der Protagonist wird dabei immer wieder von seiner einzigen „Liebe auf den ersten Blick“ seelisch eingeholt, obgleich er von ihr abirrt. Seine Megalomanie aufgrund von Minderwertigkeitsgefühlen und seine Loslösung von der Realität, indem er sich eine Traumwelt aus Wörtern um sein Idol baut, führen ihn in die Psychiatrie. Er leidet an Schizophrenie. Obgleich die Verständigung mit seiner femme fatale irgendwann abreißt, lässt ihn diese Liebe nicht los und erweist sich als unvergänglich. So zeigt sich dieser autobiographische Roman mit dem Titel „Abirrung“ als Werk eines religiösen Neo-Romantikers, der an die ewige Liebe glaubt, unbeschadet seiner Promiskuität der 1970er Jahre. Werk und Leben des Autors Raimund Fellner bilden eine Einheit.

Kurzinhaltsangabe
Eine Jugendliebe und die Abirrung zu Liebeleien in der Zeit der sexuellen Revolution der 1970er Jahre - Wahnsinn, der in die Psychiatrie führt - Gedanken, Gefühle und Schuldigwerden - davon erzählt diese vielschichtige wahre Geschichte.

Inhalt des Romans „Abirrung“
In der Kindheit macht sich der Protagonist, Raimund, bereits die ersten philosophischen Gedanken über die Unstimmigkeit von Idealität und Realität. Im Kindergarten verliebt er sich in Vroni und beschließt, um immer ungetrennt zu sein von der Geliebten, niemals im Leben Vater werden zu wollen. Doch dieses Verliebtsein in Vroni wird enttäuscht. Erst in der Pubertät hat er wieder Interesse am anderen Geschlecht. Er ist auf der Suche, ohne aber zunächst Liebe ernst nehmen zu wollen. In der Jugendgruppe kommt er mit den Ideen der 1968er-Zeit in Berührung und setzt sich damit auseinander. Er begegnet Bea, seiner femme fatale und ewigen Liebe. Um einmal immer mit Bea zusammen sein zu können, will er nicht arbeiten müssen. Trotzdem will er Großes erreichen, plant sein Leben voraus, will unermesslich reich und mächtig werden. Versucht sich deswegen in Schülerzeitung und Politik. Zieht sich aber dann immer mehr zurück in die Lektüre von Literatur und in Sprachstudien und schafft sich so eine Traumwelt um Bea aus Wörtern. Er verliert die Verbindung zur Realität. Stimmen tauchen auf in seinem Bewusstsein, die ohne sein Wollen auf ihn einsprechen. Er gerät in eine Psychose, begibt sich deswegen in eine psychiatrische Klinik. Dort kämpft er mit seinem Wahn. Medikamente werden ihm verabreicht. Er fällt in dumpfe Trübnis. Die Liebe zu Bea weiß er nicht recht weiterzuentwickeln. So sucht er Rat in der Droge Haschisch. Dabei hat er seine innere Offenbarung eines himmlischen Wechselspiels zwischen sich und Bea. Aber gerade solch wonniges Erleben mit Bea zu verwirklichen, dazu ist er nicht fähig. Aus vielschichtigen Gründen irrt er bewusst und absichtlich von Bea zu anderen Mädchen ab, ohne auch nur vorher jemals Bea Liebe und Treue erklärt zu haben. Auch sie irrt ab zu Siegi Hex. Zunächst geht Raimunds Odyssee zu Susy, der er vorlügt, sie zu lieben. In Wahrheit mag er sie. Um aber mit seinem Gewissen ins Reine zu kommen, bemüht er sich, Bea nicht mehr zu lieben und an ihre Stelle Susy zu setzen. Anfangs wirbt Bea um Raimund, der sich aber Susy verpflichtet fühlt, bevor Bea endgültig zu Siegi Hex abirrt. Zur Erleichterung Raimunds findet Susy nach einem dreiviertel Jahr der Beziehung einen anderen. Er ist wieder frei. Weil er aber Bea kaum noch begegnet, sie in ihrer Beziehung zu Siegi Hex steht und Raimund triebhaft ist, macht er sich an Myriam heran. Ein Skilager, bei dem auch Susy und Myriam dabei sind, gibt Raimund die letzte Gelegenheit, mit Bea zu sprechen. Es kommt zu gedanklichem Austausch zwischen Bea und Raimund, ein Wechselspiel, das aber von Siegi Hex eifersüchtig nach Möglichkeit unterbunden wird. Nach dem Skilager sieht sich Raimund alleine in übergroßer Sehnsucht zu Bea gedrängt. Außerhalb der gehörigen Ordnung sucht er Bea mehrmals in ihrer Schule auf, findet jetzt aber wenig Offenheit von ihr. Nach einem Ferngespräch mit ihr, erklärt sie, sie habe schon einen Freund nämlich Siegi Hex, Raimund solle sich eine andere suchen. Außerdem stände sie, anders als der blonde Raimund, auf schwarzhaarig. Ihr Freund Siegi Hex ist aber blond, was Raimund zeigt, dass diese Liebe so groß nicht sein kann. Weil sich Raimund einsam fühlt, geht er eine Beziehung mit Myriam ein, ohne ihr aber Liebe vorzulügen. Auf einer Reise alleine nach London lernt Raimund die Französin Evelyne kennen, mit der sich ein brieflicher Austausch entwickelt. Myriam und Raimund in München sind miteinander nicht recht glücklich. Darum trennen sie sich nach einem Jahr wieder. Raimund wird wieder psychotisch und hat einen weiteren Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Nach mehrmaligem Zurückbleiben in der Schule, macht er endlich sein Abitur. Auf einem Tanzfest bei sich zu Hause lernt Raimund Monika F. kennen, mit der er eine einwöchige geschlechtliche Beziehung hat. Auch sie kann er nicht lieben, weil er Bea liebt. Raimund mit seiner Geschlechtskraft alleine entbrennt in Leidenschaft zu Evelyne, die er auch im Jahr vorher schon einmal in Lyon besucht hat. Er will Bea aufgeben und Evelyne an ihre Stelle setzen. Er glaubt, Evelyne zu lieben. Diese Leidenschaft aber brennt ab wie ein Strohfeuer. Er besinnt sich wieder auf Bea und ruft sie an. Bea eröffnet ihm, dass sie mittlerweile verheiratet sei, aber nicht mit Siegi Hex, sondern einem anderen, den Raimund nicht kennt. Raimund solle sich eine andere suchen. So endet der Roman tragisch, wobei aber Raimund immer wieder nachts von Bea träumt, was seine Liebe zu Bea als alles überdauernd erweist.

Leseprobe:

20. Die Schule, Bea und Brixe
   Weit offen waren die beiden großen Schiebefensterflügel des Klassenzimmers, so dass das Grün der Bäume und Wiesen vom Licht der Sonne verstärkt hereinflutete. Es war beginnender Sommer. Raimund hatte den Kopf auf das Pult gestützt und lümmelte in bequemer sitzend-liegender Haltung in der Bank. Die Biologielehrerin erzählte irgendetwas vom Aufbau des menschlichen Skeletts. Es ging so endlos langweilig schleppend voran, dass es genügte, nur hin und wieder hinzuhören, um das Wesentlich-Wichtige mitzubekommen.
   „Eigentlich“,  dachte sich Raimund, „wäre dasselbe auch in einer Viertelstunde abgehandelt, wie überhaupt der ganze Schulstoff in zwei Stunden täglich heruntergespult wäre.“
   Raimund blickte hinaus durch die Bäume auf den Acker und das Gelände, auf dem sich jetzt der Westpark befindet. Das Schuljahr ging zu Ende; nur noch die letzten Prüfungen überstehen, und dann Freiheit. Das Gefühl des Lässig-in-der-Schule-Hängens überkam ihn. Ein eigentlich wohliges Gefühl, sich berieseln lassen von Wissen; in der Schule so einen festen Punkt haben im Leben, eine abgehobene Stellung denen gegenüber, die nicht aufs Gymnasium gingen und ihn darum beneideten; wenn er sich nur nicht behaupten müsste, indem er sich ständig über sein Wissen auszuweisen hatte, was nun bald wegfallen würde. Dann blieb wirklich nur noch das Angenehme übrig, diese letzten Tage, an denen das Wissen frei ohne Rückforderung genossen werden konnte. So sollte die Schule immer sein, dann würde einem das Leben durch nichts mehr getrübt werden, träumte Raimund in seinem fast wohligen Gefühl - aber da war der Stachel der noch zu bestehenden Prüfungen.
   Mit diesem Tag, das Wetter so verheißungsvoll und freundlich, sollte er eigentlich etwas anfangen. So unendlich weit waren die Ahndungen, was sich alles an Günstigem ergeben könnte, wenn er nur die rechte Stelle im Geschehen auffände. Eine Freundin irgendwie gewinnen, dann wäre sein Erleben nicht so alleingelassen. Sich mit ihr entwickeln, dann hätte er das Wofür, aus dem nur Freude und Glück kommen würde.
   Er beschloss, an diesem Nachmittag in dieser Richtung etwas zu unternehmen. Ins Schloss gehen, fiel ihm ein; nach langer Zeit wieder einmal. Ob die Schlossler wohl zum Nachdenken über ihn oder gar zur Reue gelangt wären, weil sein Fernbleiben Schuldgefühle bei ihnen ausgelöst hätte? Er dachte diese Angelegenheit nochmals durch: Sie hatten ihn abgelehnt, verächtlich gemacht, da er genau das Gegenteil ihrer Ideologie vertrat. Besonders Brixe hatte er mit seinem Fernbleiben anrühren wollen, in die ihn Tom aufgrund seiner Beschreibung verliebt machte; gerade die Eigenschaften hatte Tom an ihr herausgestellt, die mit Raimunds Wunschbild übereinstimmten. Vielleicht wäre sie da, - oder Bea, die Raimund makellos schön vorkam, an der er noch nie Nachteiliges gefunden hatte. Im Gegenteil, alle seine Beobachtungen ließen sie von Entdeckung zu Entdeckung an ihr immer noch mehr so erscheinen, wie er es sich erträumte.
   - Entweder Bea oder Brixe ließen sich vielleicht ein wenig für ihn gewinnen; - obwohl, so wenig gut wie er aussah, würden sie wohl nie die Gefühle für ihn haben, wie er für sie. Sie waren beide ja so schön, dass sich jeder, der sie sah, in sie verlieben musste. Aber vielleicht bekäme er wenigstens ein paar Worte von ihnen, die ein bisschen freundlich wären, und die hoffen ließen, dass sie vielleicht bereit wären, wenigstens einmal mit ihm etwas zu unternehmen. Letztliche Erfüllung seiner Träume war wohl nur Wunschvorstellung; aber trotzdem, er wollte für das Unmögliche alle Wege offen halten, von seiner Seite aus alles tun, um sich nicht einmal den Vorwurf machen zu müssen, im Leben nichts gewagt und das Wichtigste versäumt zu haben.
   Noch hatte er die jugendliche Gestalt von Bea und Brixe vor Augen, als er auf die Biologielehrerin, eine junge Referendarin, blickte. Er kam auf den Gedanken sie vergleichend zu betrachten. Dicklich, die Spuren von Älter-geworden-Sein. „Wie kann man sich nur in eine Lehrerin verlieben“, erwog er, „wenn doch die ihm altersgemäßen Mädchen viel mehr Kraft und Anmut hatten.“ Obwohl - der Gestalt der Zeichenlehrerin konnte man die einstige Jugend noch ansehen; aber leider, bedauerte er, auch er hatte seinen Anteil daran: die Schüler hatten ihre Gesichtszüge und ihre Stimme verhärten lassen und den jugendlichen Zauber zum Schwinden gebracht. Die Biologielehrerin allerdings war noch weich und hatte ihr Lächeln, - wie lange noch? Huli grinste sie andauernd anmachig an. Natürlich war der nicht verliebt; der wollte nur seine männliche Verführungskunst spielen lassen, und sie war so wohlmeinend, zu unabgeklärt, um es sich zu verbitten. Ganz offen vor der Klasse fragte Huli, ob sie mit ihm nachher nicht noch Kaffee trinken wolle oder vielleicht nachmittags Zeit habe. Geschmeichelt wollte sie sich entziehen, denn irgendwie unangenehm kam ihr das freche Werbungsgebaren schon vor.
   Raimund betrübte diese Gemeinheit, die Huli da vollführte. Dann aber vereinnahmte ihn das Böse, dessen Vorhandensein er damals leugnete, (wie auch das Gute übrigens; nur zweckmäßig und unzweckmäßig, gab es für ihn): Raimund belustigte sich jetzt an diesem Schauspiel und es schüttelte ihn vor Vergnügen, wenn Huli wieder einen Spruch abließ, der die Biologielehrerin in Verlegenheit brachte, sie manchmal sogar ein wenig errötete und unbeholfen wirkte. Hinter ihm, in der letzten Bank, beschäftigten sich Holli und Schlappi mit ihrem Lieblingsthema, dem Bumsen und Onanieren. Die Gebrauchsanweisung „aufbocken, einzipfeln, reinrubbeln, abspritzen“ ließen sie halblaut im Chor in die Klasse hinein vernehmen, während sie auf Papier eine Kür von Stellungen entwarfen, die sie in einem phantasierten Wettbewerb vorführen wollten. Zur Veranschaulichung hatten sie sich zwei Gestalten gebastelt, mit denen sie die Stellungen durchspielten. Die Zirkelspitze war dabei als Penis verwendet. Nebenbei führten sie eine Liste, in der sie alle ihnen bekannten Wörter für „bumsen“ und „onanieren“ verzeichneten.
   Raimund wandte sich halb um, um Verbindung aufzunehmen und um sich nichts Geistreiches überlegen zu müssen, stellte er an Holli eine von diesem auch umgekehrt an ihn oft herangetragene Frage: „Huren-Holli, wie oft?“ Raimund nannte ihn Huren-Holli, weil dieser die Gepflogenheit hatte, allen in der Klasse einen unflätigen Beinamen zu geben. Dieser antwortete dann wie immer: „Zehn mal.“ Und fragte zurück, ob Raimund sich auch fleißig für den Onanierwettbewerb übe. Dort seien mit Membranen bespannte Joghurtbecher aufgestellt, die man durchstoßen müsse, um sich dann möglichst oft in sie zu ergießen.
   Wahrscheinlich um die Unruhe in der Klasse zu dämpfen, begann jetzt die Biologielehrerin mit einem endlosen Diktat ins Heft. Raimund überlegte sich, ob er vollständig mitschreiben oder nur Stichpunkte machen sollte. Er bedachte, dass, wenn er mitschriebe, er nur bequem vor der nächsten Prüfung alles noch einmal durchzulesen bräuchte, um zu wissen, was gefragt werden konnte. Darum schmierte er mit; das deutlich Schreiben war ihm zu anstrengend.
   Um sich die Langeweile zu vertreiben, untersuchte er den Text auf eigentümlich weibliche Darstellungsweisen. „Die Gelenkpfanne umschließt den Gelenkkopf“, diktierte sie. „Ziemlich geil weiblich gedacht“, erfreute sich Raimund. Er hätte gesagt: „Der Gelenkkopf lagert in der Gelenkpfanne.“ Diese Beobachtung teilte er seinem Nachbarn Walter Birkner, genannt Dads, mit, gewürzt mit zweideutigen Bemerkungen, wie überhaupt er aus dem ganzen Diktat eine Pornodarstellung machte.
   Die Schulstunde, es war die letzte, neigte sich dem Ende zu. Wer auf sich hielt, hatte seine Schultasche griffbereit zwischen den Beinen, seine Sachen verstaut, um beim Gongschlag aus dem Klassenzimmer zu sein. Es gehörte zum guten Ton, möglichst als erster das Zimmer zu verlassen mitten im Satz der Lehrerin. Nur die Streber warteten, bis sie geendigt hatte.
   Das erste Stück des Heimwegs unternahm er wie immer mit seinem Freund Martin Flußner, das Rad schiebend. (In der Klasse saßen sie absichtlich nicht nebeneinander, da sie sich nicht abkapseln wollten.) Sie schwiegen, während sie dem Acker hinter der Schule näher kamen, den sie über einen Trampelpfad durchquerten.
   Wie lang würde diese freie Fläche noch bestehen? Raimund sah es schon kommen, dass auch sie eines Tages zugebaut würde. Wieder ein Freiraum, eine Weite weniger. Die Welt wurde seit Kindheit an immer enger. Aber trotzdem, obwohl er sich damit den Boden unter den Füßen im wahrsten Sinne des Wortes entzog, erwog er, möglicherweise als Baulöwe sich einmal das Anfangskapital zu erwerben, das ihn dann bis zur Beherrschung der Weltwirtschaft führen sollte. Zwar hatte er das Gefühl, das Böse zu wollen mit solchem Vorhaben, das letztlich ihm selbst schadete, wenn er mitwirken wollte, alle freien Flächen zuzubauen, nur um Gewinn zu machen; aber den Begriff „böse“ ließ er ja nicht zu. Er ließ nur gelten: es ist zweckmäßig, weil es Geld bringt. Und nur das zählt. Für sich konnte er ja ein großes Stück Land in dichtumbauter Fläche freihalten.
   Zum wiederholten Male machte er seine Entwürfe vor Martin und fragte anschließend, was dieser denn einmal im Leben erreichen wolle. Der sagte: „Ich weiß nicht, jedenfalls beschäftige ich mich hauptsächlich mit Mathematik.“ „Ich kann dir schon sagen, was aus dir wird, wenn du dir jetzt darüber keine Gedanken machst und dazutust“, begann Raimund voller Verachtung vor diesem Unvermögen, sich aus den unbewusst vorgegebenen üblichen Lebensbahnen zu lösen. „Du wirst Lehrer, heiratest, hast Kinder und spießerst als biederer Familienvater dahin. Ich seh´s schon kommen. - Jetzt heißt´s sich umtun, Beziehungen schaffen, Möglichkeiten erkunden. Nur in der Schule strebern, führt lediglich zu den wohlgeordneten, vorgezeichneten Bahnen des Duckmäusers. Darum, um mich zu üben, Erfahrungen zu machen, misch´ ich bei der Schülerzeitung mit und in der Partei. Aber das ist nur vorläufig, Übung und Behelf, um dann von dort den Sprung in die Wirtschaft zu schaffen, wo ich hin will. Einzig und allein Kapital zählt, das muss man in den Griff bekommen. Dazu muss ich jetzt sparen und verzichten. Wenn ich dann großen Überfluss habe, schaffe ich mir ein Haus und einen Porsche an. Ich hasse dieses kleinkarierte Konsumspießern für Familie, das kleine Glück, diese Dummheit immer alles auszugeben, was reinkommt, so nie Kapital zu schaffen und damit immer Proletarier zu bleiben. Aber dann meinen sie mit Konsum, wer zu sein. Auf´s Kapital kommt´s an. Es bedeutet Macht, Verwirklichung, Freiheit, nur das ist im Leben erstrebenswert.“
   Sie waren an dem Ort angekommen, wo sie sich trennen mussten. Raimund bestieg seinen Renner und radelte noch etwa fünf Minuten bis zu seinem Elternhaus. Zu faul seinen Schlüssel herauszuziehen, klingelte er Sturm, um seine Großmutter zu beschleunigen. Sie empfing ihn an der Haustür: „Gell du hast Hunger. Ich hab´ dir Fingernudelen gemacht, versuch´, die sind gwiß gut“, nervte sie ihn wie jeden Tag mit dem Essen. Raimund schimpfte sie an: „Du weißt ganz genau, dass ich nur Fleisch und Salat esse; dieser Mehlpapp macht dick. Im Übrigen brauchst du überhaupt nicht kochen, ich kann mir alles selber machen.“ „Aber Raimundi, immer so viel Fleisch, das tut nicht gut. Willst es gwiß wissen. Die Fingernudelen machen gwiß nicht dick“, erwiderte seine Großmutter ungebrochen freundlich. „Ich heiß´ nicht Raimundi, ich heiß´ Raimund. Wie oft soll ich dir das noch sagen“, schrie er sie nun an.
   Er stellte die Pfanne auf den Herd und briet sich einige Steaks. Dann verschlang er sie halbfertig, weil ihm das Garen zu lange dauerte und aß Salat, den seine Großmutter gemacht hatte. 
   „Raimund, erzähl mir doch ein bisschen von der Schule. Ich verlern´s Reden noch ganz. Niemand spricht mit mir. Am Abend hab ich immer so schwere Gedanken. Ich glaube, ihr mögt´s mich nicht“, klagte sie.
   „Weil, was du tust überflüssig ist, und weil ich nicht mag, was du kochst, meinst du, dass man dich nicht mag. Du musst das auseinanderhalten. Du solltest gar nichts mehr tun, dasitzen und von mir aus beten, dann gehst du wenigstens nicht im Weg um und nervst nicht, und dann mag man dich,“ erklärte ihr Raimund zum wiederholten Male.
   „Aber deine Mutter tät sich gar nicht mehr naussehen, wenn ich nichts tät. - Komm erzähl mir, was in der Schule war. Du bist doch ein gebildeter Mensch und kannst interessante Dinge erzählen“, bat sie ihn.
   Raimund wollte Abstand von der Schule jetzt, nicht alles wiederkäuen, sich entspannen, darum pflegte er ihr immer irgend eine Phantasie zu erzählen, die sein Hirn so richtig locker machte: „Heute mussten wir einen Aufsatz schreiben mit dem Thema: Sollten alte Leute rechtzeitig ans Sterben denken? Der muss so aufgebaut sein: These: Alte Leute sollten rechtzeitig ans Sterben denken, mit den Gründen, die dafür sprechen. Dann: Antithese: Alte Leute sollten nicht rechtzeitig ans Sterben denken. Und Gründe dafür angeben. Zum Schluss muss die Synthese stehen: Alte Leute sollten einerseits rechtzeitig ans Sterben denken und gleichzeitig nicht daran denken.
   Bei der These, was dafür spricht, fiel mir sehr viel ein“, erläuterte Raimund. „Wenn alte Leute überflüssig sind und nicht anders können, als andere zu nerven, so sollten sie daran denken. Und so weiter. Aber bei der Antithese, dass sie nicht daran denken sollten, fiel mir gar nichts ein, und darum gelang auch keine Synthese. So dass ich die Note fünf darauf bekam, obwohl ich die These seitenweise ausgeführt hatte, aber eben, weil die Antithese und Synthese fehlten, hatte ich Glück, dass es noch so bewertet wurde.“
   „Das ist aber arg“, bemitleidete ihn seine Großmutter. Raimund fragte sich im Stillen, ob sie wirklich diesen Schmarren glaubte. Jedenfalls war er befriedigt, so wenigstens auf eine ihn entspannende Weise seine Großmutter unterhalten zu haben und stieg die Treppe zu seinem Zimmer hinauf, um sich zum Mittagsschlaf niederzulegen, denn die Schule schlauchte ihn immer.
   Das Bettzeug war abgezogen. Seine Großmutter war mit dem Bettenmachen nicht fertig geworden. Raimund wurde wütend: „Unverschämtheit, sich immer in meine Angelegenheiten mischen. Du hast mein Zimmer nicht zu betreten. Betten brauchen überhaupt nicht gemacht zu werden. Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht immer an meinem Zeug rumfummeln. Jetzt mach gefälligst das Bett, wie es war!“ schrie er die Treppe hinunter.
   Seine Großmutter stieg derweilen mühsam die Treppe hoch. „Entschuldige, Raimund, ich bin nicht fertig geworden. Ich muss dir doch das Bett machen, kannst ja nicht schlafen“, sagte seine Großmutter leidenden Gefühls und machte sich daran die begonnene Arbeit fertig zu stellen.
   Raimund warf sich aufs Bett. Die Schuhe zog er wie immer nicht aus, weil das zu umständlich war.
   „Raimundi, du darfst dich nicht immer mit den schmutzigen Schuhen ins Bett legen; da kommen Bazillen an dich hin; du wirst krank. Komm ich zieh dir die Schuhe aus.“
   „Ich heiß nicht Raimundi. Ich will jetzt meine Ruhe. Tür zu!“ wehrte er sich gequält.
   „Da Raimund, komm, ich ziehe dir die Schuhe aus.“ Sie ließ sich nicht abbringen, bückte sich und machte sich an seinen Schuhen zu schaffen. Raimund stieß sie mit dem Fuß weg, nicht zu fest, sonst wäre sie gefallen. Er wusste sich nicht anders zu erwehren. „Jetzt hau endlich ab, ich will meine Ruhe, Tür zu!“ schrie er, so laut er konnte. Seine Großmutter schlich davon, langsam, wobei sie in sich hineinjammerte und die Tür schloss.
   Er mochte seine Großmutter ja, aber diese tägliche Nerverei. Natürlich wünschte er ihr nicht den Tod, aber wenn sie sich nur endlich ruhig und untätig verhielte. Endlich Ruhe haben von diesem Quälgeist! Sie behandelte ihn immer wie einen Dreijährigen, war nie ärgerlich, sondern sah in ihm nur ein ungezogenes kleines Kind.
   Er fiel nun wie immer in einen eigenartigen Schlaf, anders als der in der Nacht. Zwar bewusst, dass er ruhte, träumte er sonst im Wachzustand unmöglich vorstellbare, nicht nachvollziehbare Gedankenverbindungen aus dem Schulablauf des Vormittags, die nochmals den Schulstoff in gehirnentspannender Weise umarbeiteten, wobei der Schlaf einen immer bewussten Höhepunkt der Tiefe hatte; danach allmählich ausklang. Heute zog er dieses Ausklingen des Schlafes nicht länger als nötig hinaus, denn er hatte ja noch etwas vor, musste vorher noch Hausaufgaben machen. Es war kurz nach zwei, als er wieder erholt aufstand.
   Schleunig über das Geländer rutschte er und schwang sich die Treppe hinunter, drang ins Esszimmer, wo noch eine halbe Warmhaltekanne mit Kaffee nebst den Zutaten an Milch und Zucker stand. Seine Mutter hatte den Kaffee bereitet nach ihrem Gelderwerb als Lehrerin an der „Schule der Armen Schulschwestern“, um sich danach hinzulegen. Raimund war froh, dass er ihr heute nicht begegnete, holte sich rasch eine Tasse aus der Küche, goss Kaffee ein, versah ihn mit zwei Löffeln Zucker sowie Milch, bis er goldbraun war; das tat er deswegen, damit der Kaffee ihm angenehm mild schmeckte. Auf diese Weise sog er Tasse für Tasse in sich ein, bis die Kanne leer war. Er war unter Zeitdruck, wollte er doch noch ins Schloss, auf der anderen Seite froh, durch die Kaffetrinkbetätigung Verzögerung zu haben, bevor er sich an seine Hausaufgaben machen musste. Die Uhr war eine viertel Stunde vorgerückt. Er folgte seinem Drang zu pinkeln und begab sich dann in sein Zimmer. Er vollzog nochmals die Übersetzung nach, die in der Schule unter Haberl entstanden war. Es war ein Text von Salust, „Lust, Lust“, wie ein Mitschüler meinte, denn Catilina, der Verschwörer, betätigte sich mit Würfel, Hand und Penis. Alles Verrichtungen, in denen sich Raimund verstanden fühlte. Zum Schluss im Wettlauf mit der Zeit prägte er sich noch zehn Griechischwörter ein. Mit der Bangnis, ob er denn bis morgen alles im Bewusstsein halten können würde, verließ er sein Zimmer. 
   Für den Weg zum Schloss würde er mit dem Rad genau zwölf Minuten brauchen. Vorbei an der Kirchturmuhr, seiner Pfarrkirche, vergewisserte er sich wie immer der Zwischenzeit. Sie lag gut; er würde gerade recht kommen. Er fetzte in den Schlossfrieden ein; viele Leute standen herum, also ein Fest war im Gange, stellte er fest. Wenn er das versäumt hätte. Er schlängerte in rascher Fahrt um die Leute herum, bremste, dass die Reifen scharrten und sprang betont behände vom Rad. Ein solches Gebaren musste allgemein Eindruck machen, meinte er.
   Da stand er nun, ganz auf sich gestellt, allein von ihm abhängig, was er aus dem Fest machte, welchen Sinn er sich aus einer Ansammlung von Leuten erzeugen konnte. Alle Möglichkeiten offen, wie immer im Schloss, freie Entfaltung. Das brachte mit sich, dass man sich Sinnerfüllung erst schaffen musste.
   Erst mal wollte er Überblick gewinnen, Bestandsaufnahme machen. Da lockten auch schon angebotene Speisen und Getränke zum Kaufen und sich in Ermangelung besserer Einfälle zunächst mit Essen und Trinken zu beschäftigen. Doch hatte er sich zur damaligen Zeit noch, was Konsum betraf, vollkommen im Griff. „Eine schale Freude, die von der wahren Freude, der Liebe, nur ablenkte, ein Ersatz,“ wehrten seine Gedanken das Gelüste ab, „da gehen nur Antriebskräfte verloren, wie auch durch dieses widersinnige Rauchen, dessen nur unvollständige Persönlichkeiten bedürfen. Eine Krücke!“ Der letzte Gedanke stellte sich ein, als er Schlossler rauchen sah, und ein innerer Dämon ihm vorschlug, sich doch vorerst damit zu behelfen.
   Da nahte auch schon Sinngehalt. Ein Klüngel von Schlossleuten kam heran. Aus ihren Ausrufen und Witzeleien konnte er entnehmen, dass sie sich über eine gewisse Tutti-Mutti lustig machten. In ihrer Mitte war Bea. Die Leute zerstreuten sich, noch ehe sie ihn erreicht hatten. Bea, auf der seine Aufmerksamkeit ruhte, ging zur Seite weg und setzte sich ein wenig unschlüssig an den Sandkasten, der angelegt war für die Kinder, die in einem eigenen Bau ihren Kindergarten hatten.
   Er wandte sich an Tom, den er in der Nähe fand, um sich zu erkundigen, was es mit dieser Tutti-Mutti-Witzelei auf sich hatte, die Bea unangenehm schien und sie beschämte.
   Gemeint sei Beas Mutter, die mit Bea allein wohne. Sie, die Tutti-Mutti, sei eine Säuferin und suche Leute an sich zu ziehen, erklärte Tom. Grüppchen vom Schloss hätten sie wiederholt besucht, und so mancher Jüngling habe mit ihr geliebelt. Tom zeigte Verachtung.
   Raimund hingegen freute sich, Bea in solchen Verhältnissen zu wissen. Die Art, wie Beas Mutter war, stellte er sich angenehm vor. Er folgerte, wenn ihre Mutter sich nicht an herkömmliche Verhaltensweisen hielt, dann wohl auch Bea nicht. Die Mutter würde Bea gewiss nicht zur Jungfräulichkeit anhalten. Wenn er darum Bea zur Gefährtin hätte, so müsste er sich nicht mit einem Wust spießiger Erziehung herumplagen, aus der sie erst herausgepellt werden müsste. Bea wäre sie selbst; er müsste nicht an ihr ändern wollen, sie irgendwie beeinflussen, was Kraft entzöge und eh nur so lange Bestand hätte, als er sich abmühte, sie zurecht zu biegen.
   Angetan von diesen Gedankengängen, dass das, was er da erfahren hatte, das Bild von Bea wiederum seinen Wünschen gemäß vollkommener gemacht hatte, bedauerte er, während seiner Abwesenheit vom Schloss jede Gelegenheit der Begegnung mit Bea versäumt zu haben. Da hörte er einen schrillen Pfiff. Er kam vom Sandkasten her, von Bea, denn sie hatte, als er hinsah, vom Pfeifen noch die Finger im Mund. Sie spähte nach jemandem. Er konnte nicht ausmachen, nach wem. Er war mit dem Pfiff wohl nicht gemeint, das musste er mit Bedauern feststellen. Zwar berührten ihn hin und wider ihre Blicke, aber sie machte keine Aufforderung heranzukommen.
   Ein Mädchen, das Jungs nachpfiff, - welch ein Wert! Das ergänzte wiederum vorteilhaft seine bisherigen Erkenntnisse von ihr. Sein Begehren und seine Freude wuchsen. Er würde mit ihr als Freundin nicht eine Last von herkömmlichen weiblichen Verhaltensweisen nachschleppen müssen, wie Ziererei, Vorbehalte, Unpässlichkeiten. Sie war keine Zicke.
   Er musste sie gewinnen. Wie könnte er sie nur geneigt machen? Auf sich aufmerksam machen, hingehen, etwas sagen! Aber was? Es musste der rechte Zeitpunkt sein. Ganz zufällig müsste er sich in ihre Nähe bringen. Es musste wie von selbst, sich ergeben. Auch sollte dann niemand zuhören und sich einschalten können.
   Er gab sich den Anstoß, schlich umsichtig in Richtung Sandkasten, aber nicht schnurstracks, sondern in einem Winkel seitlich am Sandkasten vorbei. Es sollte sein Herankommen für Bea zufällig und unbeabsichtigt erscheinen, nichts Unnatürliches an sich haben. Doch als er schräg versetzt in geräumigen Abstand von ihr stand, verweilte, um sich den letzten Anstoß zu geben, war es nun unmöglich, den Haken zu schlagen wie ein Hase, unauffällig, es musste absichtlich wirken, als er sich mit gehörigem Zwischenraum neben ihr auf die niedrige Sitzgelegenheit niederließ.
   Sein Herz pochte, durchblutet raste sein Hirn, dass er gar nicht mehr denken konnte, und in seinem Geschlecht stellte sich das Gefühl des Erfasstseins von ihr ein, eines Gefühls, das er immer in ihrer Nähe hatte. Die Umgebung flimmerte vor seinen Augen. Er sah zu Boden an den Rand des Sandkastens, ließ seinen Blick hinüber auf Beas Füße wandern. Sie war barfuß. Er schaute auf zu ihrem Gesicht, das sich hin und wider auf ihn richtete, dann aber wieder zu Boden auf ihre Füße und ließ langsam seine Augen ihre Beine hinaufgleiten. Sie saß in engen Jeans da, die Knie weit auseinandergefallen, auf der niedrigen Sitzgelegenheit, unbekümmert lässig, fast liegend, ganz anders als jene zickige Sorte von Mädchen. Die Lippen ihrer Scham drückten sich durch ihre Jeans. Ihr Haar, von Sonne durchflutet, wallte über ihre Schultern. Die Freiheit in ihrer Erscheinung regten ihm Freude in Phantasie und Gefühl, nie erlebt, nie für möglich gehalten, dass es solch ein Mädchen von dieser natürlichen Unbefangenheit geben könnte. Einfach alles, was sie war, war Freiheit, war Wirklichkeit gewordener Wunschtraum.
   Ach, könnte er sich nur gehen lassen, die Hand ihr Bein hinaufwandern lassen, ohne etwas sagen zu müssen, sie küssen, sie einfach lieben. Könnte er nur tun, wonach ihm wäre! Aber das ging nicht, meinte er, denn würde sie ein Näherkommen überhaupt erlauben? Zudem, so stellten sich Bedenken ein, er konnte ja nicht immer nur kosen, er müsste ja auch einen geistigen Gehalt mit ihr haben, das Zusammensein gestalten. Schlimm wäre es, wenn sie sich langweilten, und das würde geschehen, wenn er nicht erst einmal seinen Geist ausbilden und füllen würde, Gedanken entwickeln; darum viel lesen! Und dann, vielleicht würde er sie wieder verlieren, weil sie mit ihm nicht zufrieden wäre. Darum: zuerst musste die mögliche Zukunft vorausbedacht, alle Schwierigkeiten vorausgesehen werden, die auf sie zukommen könnten; den Unbilden musste im vornherein aus dem Wege gegangen werden. Er wollte in der Liebe klüger sein als die anderen, einen ganz anderen besseren Weg gehen.
   So saß er eine geraume Weile neben ihr. Er musste ein Näherkommen veranlassen, irgendwie weiterkommen, etwas sagen! Er legte sich eine Anknüpfung zurecht und wartete auf den rechten Augenblick, um loszureden, wenn sie ihn anblicken würde. Aber irgendwie, da fehlte das Sich-von-selbst-Ergeben; dieses Gezwungene, Künstliche, Beabsichtigte würde ihr sicher nicht angenehm sein, als er sich endlich den Anstoß gab, sich ins Blaue hinein an sie zu richten: „Es gefällt mir gut, wie du pfeifen kannst,“ sagte er. Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass er ihre unkonventionelle Art schätzte. „Wie machst du das? Kannst du´s mir zeigen?“ führte er weiter, obgleich er nicht daran glaubte, das Pfeifen auf den Fingern so schnell lernen zu können; aber immerhin hatte er so ein Zusammenspiel veranlasst.
   Sie lächelte vergnügt, ihr Gesicht hatte seinen edel-verrucht sinnlichen Reiz, ihre Augen blinzelten ihn vielsinnig an. Sie legte ihre Finger an und pfiff langgezogen und schrill. „Wie geht das?“ fragte er nach und versuchte es ihr nachzumachen, aber es kam nur ein zischendes Blasen hervor. „Sieh her“, sagte sie in ihrer frischen klaren, schwingenden Stimme und zeigte ihm ausführlich, wie sie die Finger anlegte. Es war wohliges Glück, so vertraut von ihrem Eingehen auf ihn umfangen zu sein. „Jetzt kommt´s gleich“, unterstützte sie seinen Versuch, ganz bei der Sache. Doch er glaubte eigentlich gar nicht daran, es zu lernen. „Ich glaub´, dazu brauch´ ich länger, bis es mal was wird“, brach er seine eigentlich halbherzigen Bemühungen ab.
   Jetzt musste er sich etwas Neues einfallen lassen, um mit ihr im Austausch zu bleiben. Und als er gerade in einiger Entfernung Brixe am Schlossgebäude stehen sah, kam ihm die Fortsetzung, und er fragte, was ihm schon lange sein Gedankenspiel nahegelegt hatte, obwohl er es eigentlich jetzt hätte wissen müssen, da er von Tom ja gerade erfahren hatte, dass Bea allein bei ihrer Mutter lebte: „Seid ihr Schwestern, du und Brixe? Die Brixe sieht dir so ähnlich.“ Bea war ein Jahr jünger als Brixe, etwas größer aber und nicht so breit. Das Haar der beiden war von gleicher Art.
   „Nein, wir sind keine Schwestern“, antwortete Bea ohne weiter nachzufragen.
  Nun war Schweigen. Raimund fühlte sich leer; da kam ihm nichts in den Sinn, was nun weiterführen konnte. Er fühlte keine Berechtigung, ohne Gespräch noch länger dazusitzen. Es geschah nichts. Es würde jetzt nichts geschehen. Darum stand er auf und ging weg.
   Wieder war er versucht aus verlegener, nachdenklicher Unschlüssigkeit heraus, sich mit Essen und Trinken zu befriedigen. Doch er hatte sich im Griff, selbsterkennend die wahre Ursache dafür, schob er dieses flache Ersatzbedürfnis beiseite, um die Spannung zu behalten nach der Erfüllung der echten Freude, der Liebe, zu trachten. Er lungerte hin und her, stand mal an der Feuerstelle herum, wo Gitarre gespielt und gesungen wurde. Immer war die Schwierigkeit, aus dem Nichts heraus das Etwas zu schöpfen, Sinn zu schaffen, etwas zu machen, zu denken, etwas aus dem Nichts heraus in die Welt zu setzen, einem Gebilde Gestalt zu geben; und dabei war diese gesuchte Sinnigkeit so beliebig, da kein Notwendigkeitszwang, also vollkommene Freiheit bestand, was er aus diesem Nichts herausgriff, diesem Sinn gab, es ausgestaltete, beliebig, frei, wie seine Eingebung gerade war. Er hatte mit sich und Bea nichts anzufangen gewusst, ärgerte er sich.
Da entdeckte er Brixe hinter einem Knäuel von Schlosslern. Er sollte es mit ihr versuchen, dachte er. Wieder musste nur abgepasst werden, bis sie alleine stand, um mit ihr ungestört ein Gespräch zu beginnen. Ihm war bange, als er sich ihr gegenüberstellte und einfach mal losredete, obgleich er ihr nicht nach dem Mund reden würde, wie er ja wusste, aber er musste sie von der Vorteilhaftigkeit seiner Einstellung überzeugen, falls er sich mit ihr verwirklichen sollte: „Ich find Reichtum und Macht, die daraus folgt, ist das Größte, was man im Leben erreichen kann. Natürlich ist die eigene Arbeitskraft allein zu schwach, um viel zu erwerben; darum muss man andere für sich arbeiten lassen. Das bedeutet, dass man geschickt die Schwäche der Masse für sich ausnützen muss. Darum habe ich „Massenpsychologie“ von Sigmund Freud gelesen, um herauszufinden, wie es gelingen kann, dass sich der Pöbel dem Führer, der ich sein will, unterordnet; denn der Pöbel braucht immer einen Führer. Die Einzelnen sind unfähig, sich selbst zu führen. Darum wollen sie immer in einem Angestelltenverhältnis unterkriechen, denn sie sind zu feig, um Unternehmer zu werden. Außerdem sind sie zu faul, um sich die nötigen Fähigkeiten zum Unternehmer anzueignen. Solchen geschieht es recht, wenn sie vom Kapitalisten ausgebeutet werden.“
   „Das ist ja unsozial“, verzog Brixe die Miene. „Die Produktionsmittel müssen vergesellschaftet werden; das Gesellschaftssystem muss geändert werden; die Arbeiter sollen kollektiv bestimmen!“
   „Ich bin Individualist“, setzte Raimund. Den Begriff Individualismus hatte er vorteilhafterweise in seinen geistigen Bemühungen zu Hause gefunden, um ihn dem Modebegriff des Kollektivismus entgegenzusetzen. „Ich bin für Freiheit des Individuums. Ich will nicht im Kollektiv aufgehen. Jeder kann ja Unternehmer werden, aber die, die späterhin Arbeiter werden, schlägern nur rum und sind aggressiv; mit ihnen kann man ja nicht reden. Sie saufen nur und finden ein Motorrad das sinnvollste, womit sie sich beschäftigen können. Bring´ doch mal deine Ideen einem Arbeiter bei! Der versteht sie ja gar nicht und haut dir bloß eins aufs Maul.“
   „Die Arbeiter werden eben manipuliert. Dass sie aggressiv sind, kommt von ihrer Erziehung und von ihrem Milieu her. Man muss sie umerziehen, bei ihnen ein Problembewusstsein wecken“, verteidigte Brixe den Pöbel, wie Raimund ihn nannte.
   „Ich weiß von der Volksschule her, dass die, die späterhin Arbeiter werden, fiese Typen waren, die sich von der Lehrerin ausspielen ließen, petzten, richtige Schleimscheißer, die immer genau das vertraten, was die Lehrerin wollte. Denen geschieht es recht, dass die Kapitalisten sie später ausspielen, um sie auszubeuten und zu versklaven; diese Schweine verdienen nichts anderes. Zur Solidarität sind die gar nicht fähig“, brachte Raimund voll Hass hervor.
   „Du bist ein Kapitalist und Faschist! Dass sie so sind, ist doch ihre Konditionierung. Man muss mit ihnen reden und ihnen ihre Situation bewusst machen“, versetzte Brixe verärgert. Dann wandte sie sich ab und ließ ihn stehen. Die Grundzüge der Standpunkte waren ja gesagt, und Raimund war nicht überrascht, dass sie seine Ansichten so nicht annehmen konnte.
   Raimund setzte sich ans Feuer. Es wurde gesungen. In Lauten sang er die Melodien mit und lernte sie dadurch. Die Texte verstand er nicht, da sie englisch waren. In seiner Schule wurde nur Latein und Griechisch gepaukt. Englisch lief vernachlässigt nebenher; die mangelhaften Lehrer brachten es einem nicht richtig bei.
   Raimund freute sich seiner Stimme, die den Stimmbruch noch nicht so recht hinter sich hatte, besonders als Bea um das Feuer herumstrich, bemühte er sich, sein Gefühl zu diesem gammeligen Beisammensein hinein zu legen. Sie sah mehrmals prüfend her und schien auf die Eigenart seiner Stimme zu achten.
   Dann blieb sie vor der Feuerstelle stehen, ein Viertel des Rundes von Raimund entfernt. Ihr Blick weilte auf den roten Ziegeln der Feuerstellenmauerung. Sie schien, wie es oft ihre Eigenart war, lebhaft zu sinnen; knickte dann, wohl ohne sich bewusst dazu entschlossen zu haben, in der Hüfte ein und ließ sich behutsam niedergleiten, wobei sie, sich mit den Händen abfangend, kurz bevor sie den Boden erreichte, wieder nach außen bewusst wurde und mit schwungvoller Kraft die Beine zum Sitzen zurecht warf. Ihr Gesicht trug ein feines, durchsonnenes Lächeln. Sie schien in sich selbst mit sich glücklich, mit dem, was sie da in sich bewegen mochte, Raimund las in ihr den Frohmut, Schwierigkeiten und Bangnisse im Griff zu haben. Das Leben und die Zukunft mochten ihr jetzt, wie auch Raimund, rosig und machbar erscheinen. Noch fühlten sie sich kraftvoll und leicht.
   Raimund wurde hochgewirbelt von innerer Unruhe. Er sprang auf, versuchte seine Spannung durch schlacksiges Herumgehen zu legen. Gefühlsgedankenfetzen strudelten im Kopf, ohne Umrisse zu haben. Er musste einen zweiten Versuch machen, sie, Bea zu gewinnen, war der Vorsatz, der sich schließlich aus seiner Unrast herauszeichnete. Diesmal musste der Austausch gehaltvoller werden. Seine kläglichen Anstalten am Sandkasten waren zu gekünstelt gewesen und hatten in ihrer Belanglosigkeit ihn selbst gelangweilt. Diesmal musste das Gespräch Bezug haben zum Leben, zur Zukunft; es musste dazu eine Grundlegung schaffen.
   Seine Betrachtung umspielte Beas vollkommene Gestalt, ihr von rotgoldenem langem Haar geschöntes Gesicht, auf dem kein Zug war, der ihm missfiel; das die Züge sinnlicher Empfindungsfähigkeit trug. Er stand in geraumer Entfernung, wo er schließlich nach seinem Umhergetriebensein zur Ruhe gekommen war.
   Wie schade wäre es, würde dieses zur edlen Lust geschaffene Mädchen als Hausfrau enden, mit Kindern versauern, so fade werden wie die sorgenbeladenen Frauen, die er Kinderwagen schiebend so oft in Parks und Straßen beobachtet hatte. Das musste verhindert werden! Er musste Bea jetzt vorweg beeinflussen, damit sie nur nicht diesen faulen Weg einschlüge. Darum, als ihm der passende Einfall gekommen war, ging er zu ihr, setzte sich daneben; ganz beabsichtigt sollte es diesmal wirken, und er fragte sie einfach: „Was wirst du einmal?“
   Bea war überrascht; auf eine solche Frage, ihr wohl noch nie gestellt, war sie nicht gefasst. Ihre Augen blickten nach innen. Sie ging ihr Gehirn durch, musste ein bestimmtes Bild aus den vagen Vorstellungen herausgreifen, es erst umreißen. Es wirkte ohne Überzeugung, beliebig gewählt, als sie antwortete: „Schaufensterdekorateurin.“ Ihre Stimme klang unsicher, nicht gerade durchdrungen von diesem Berufswunsch. Ein schwarzer Punkt, - wohl Wehmut, dass es einmal anders werden sollte als jetzt; vorbei wäre dieses freie unbekümmerte Leben, die uneingeschränkte Entfaltung, - dieser schwarze Wehpunkt dunkelte ihr Licht. Sie hatte sich, wie Raimund vermutet hatte, mit Später noch kaum befasst.
   Raimund war erstaunt, dass Bea trotz ihrer Schulbildung sich mit einem so geringen, wie ihm dünkte, leicht auszuführenden Beruf zufrieden geben wollte. Vielleicht wusste sie gar nicht, welchen Rang das Gymnasium mit sich brachte, und dass es gewinnreiche berufliche Tätigkeiten eröffnete. Sie war ganz anders als er, der stolz war und große Ziele verfolgte. Ihr Verzicht auf großartige Darstellung, dieses sich Zurücknehmen, gewann, je mehr er es übersann an Reiz, der Bea ausmachte und ihm lieb wurde. Er wurde darauf gebracht, zwei sich bekämpfende Lebenshaltungen und Ideale auszuarbeiten und zu verfolgen: das Gefühl Beas lässiger Genügsamkeit und sein Trachten, reich und mächtig zu werden. Bewusst und absichtlich spaltete er sein Gemüt.
   „Ich will Unternehmer werden;“ setzte er entgegen, „da arbeite ich nur für mich. Als Schaufensterdekorateurin ist man angestellt und arbeitet für andere. Ich versuche jetzt möglichst bedürfnislos zu leben, um das nötige Kapital anzusparen. Mit dreißig will ich es geschafft haben. Erst dann, wenn ich genügend Gewinn gemacht habe, dann schaff´ ich mir einen Porsche an und ein Haus mit Garten.“ Er wollte schon fortfahren: Die Arbeitskraft von einem allein reicht nicht aus, um besonders reich zu werden; darum muss man andere für sich arbeiten lassen. Doch diese Rede hemmte sich. Er spürte, das Böse dieser Gedanken war unstimmig in einem mit ihr zusammen errichteten Weltbild. Liebe ließ sich mit böser Grundlage nicht verwirklichen, das fühlte er. Sie verzauberte zum Guten. Darum fiel ihm jetzt das Gute am Unternehmer ein, wenn er fortsetzte: „Die meisten Leute wissen nicht, wie sie ihre Arbeitskraft einsetzen sollen. Darum brauchen sie einen Unternehmer, der ihnen sagt, was zu tun, einträglich ist.“
   Er war bedacht, wohlgesetzt, anders als in der üblichen, oberflächlichen Umgangssprache der anderen zu sprechen mit neuem selbstgeschöpftem Gedankengut, das sich von dem umlaufenden unterschied. Das sollte Bea aufmerken lassen. Wenn schon nicht Schönheit, so sollte sein umfangreicher, gebildeter Geist sie einnehmen. Zwar erwartete er nun die gleichen Einwendungen gegen das Kapitalistentum, die Brixe gemacht hatte. Er war angenehm überrascht, als eine Missbilligung ausblieb, sie das Gesagte mit innerer Lebhaftigkeit durchging. Als sie das Übersinnen abgeschlossen hatte, kam ihr der Einfall, zu seinem Lebensentwurf die ihr anscheinend wichtige Frage zu stellen: „Wann heiratest du?“
   Es schien ihm, als erkundige sie sich: Wann hätte ich da Platz bei dem, was du da vorhast? Also war es ihr nicht ganz abgelegen, sich mit ihm irgendwann einmal zusammenzutun. Raimund freute sich innerlich bei dieser versteckt verborgenen Andeutung.
   „Überhaupt nicht oder, wenn, dann erst mit dreißig“,  antwortete er, obwohl er eigentlich nie heiraten wollte. Andrerseits aber wollte er doch mit einem Mädchen zusammenleben. Er vermeinte aber, dass das ohne Heiraten wohl nicht möglich wäre, weil kein Mädchen sich unabgesichert darauf einließe. Da er aber befürchtete, sich doch einmal in diesen gesellschaftlichen Zwang schicken zu müssen, wenn ihn irgendeine dazu verführte, wollte er dann wenigstens möglichst spät seine Unbezwungenheit verlieren.
   „So spät erst“, sagte Bea. Es lag ein bedauernder Klang in ihrer Stimme.
   „Am liebsten würde ich so zusammenleben“, offenbarte Raimund seinen innig-eigentlichen Wunsch.
   „Ich eigentlich auch.“ Bea atmete dabei auf, erleichtert. Diese ganzen Umstände des Heiratens schienen sie zu belasten. Sie wollte frei handeln. Raimund jubelte innerlich. Sie offenbarte sich wunderbarer, als er je erhofft hatte. Unbezwungene Freiheit wäre also mit ihr möglich. Er fühlte sich wie im Himmel. Bei Bea zeigte sich einfach alles mit ihm stimmig. Freude regte sich in seinem Geschlecht. Solch Gefühl in dieser verruchten Reinheit hatte er noch nie. Seine Lust ging von ihr aus. Da war ein Punkt im Lustgefühl, um den sie sich zu drehen schienen.
   Vollkommenes Vertrauen wäre für eine Liebe ohne amtliche Befestigung von Nöten, dachte sich Raimund, als er ausführte: „Ein Mann bleibt länger schön als ein Mädchen. Darum kann er sich, wenn seine Gefährtin nicht mehr schön ist, eine jüngere suchen. Da ist es für sie von Vorteil, wenn sie durch eine Heirat abgesichert ist.“
   Bea schaute unsicher, sie schien verstimmt. Wahr war diese Aussage ja nicht, wie Raimund allmählich erkannte. Bea schwieg. Verlegenheit kam bei Raimund auf.
   Mittlerweile war es Nacht geworden. Raimund wollte das Schöne an dem Beisammensein mit ihr bewahren. Darum fand er es für gut, den heutigen Tag abzuschließen. Er wollte nun nichts mehr erleben. Er stand auf, schwang sich auf sein Rad und machte sich auf den Heimweg.
   Er schlich sich möglichst lautlos ins Elternhaus, vorbei an der Zimmertür, deren Lichtschein verriet, dass seine Mutter dabei war, sich auf ihren Unterricht vorzubereiten. Er schlich absichtlich, weil er für die Zukunft vorbauen wollte. Denn gesetzt den Fall, er wäre mit einem Mädchen, und das müsste heimlich geschehen, dann wäre es auffällig, wenn er jetzt zum ersten Mal seine Mutter nicht begrüßte. Darum hatte er es eingeführt, grundsätzlich lautlos vorzugehen, wenn er spät abends nach Hause kam. Natürlich wusste er, dass seine Mutter irgendwann, später, nach seinem Rad sehen würde, hinterhältigerweise, um festzustellen, ob er schon im Hause sei; denn, dass sie in seinem Zimmer nachspitzte, das hatte er sich schon lange verbeten.
   Er rühmte sich im Stillen seines schlauen Vorbedachts, da musste er sich darüber ärgern, dass entweder seine Mutter oder Großmutter sein Zimmer betreten hatten, denn das Fenster war geschlossen. Er beschloss, dies ein für alle mal abzustellen. Gleich morgen wollte er sich einen Schlüssel für seine Tür besorgen. Das war auch für künftige Vorhaben günstig. Dass kein Schlüssel vorhanden war, dafür hatten seine Überwacher sicher absichtlich gesorgt. Die Überwachung sollte möglichst unauffällig geschehen. Dieses hinterlistige Pack! ärgerte er sich.
   Er musste sich befreien von seinen Gänglern; aber nicht wieder in neue Abhängigkeit geraten von Arbeitgebern und Vermietern. Darum wollte er vorerst bis dreißig im Elternhaus bleiben, Geld ziehen von den Eltern, möglichst viel auf die Seite schaffen und sich unternehmerisch betätigen, Um das zu schaffen, um das Können zu erlangen, auch die Schule gut hinter sich zu bringen, gemahnte er sich an seine Pflicht. Nochmals ging er die Vokabeln durch. Er beherrschte sie. Er war beruhigt, zog sich aus, löschte das Licht und legte sich ins Bett.
   Nun erfasste ihn Bea. Wohlig zugedeckt konnte er sich jetzt mit all seinen Gefühlen ihr widmen. Wäre sie nur bei ihm, ihr wunderbarer Körper, die Beine voll Kraft, wie sie endlos nach oben führten, Abstand hatten, viel angenehmen Platz dazwischen, ins Becken übergingen, das so schön niedrig war, um gleich weiterzuführen zu einem Leib, dessen Brust ebenso selbstverständlich und unbefangen erschien wie seine. Sein Augenmerk glitt darüber, ohne sie als besondere Stelle wahrzunehmen. Das war angenehm, der Reiz lag vielmehr da, wo er sein sollte, wo es Platz gab für sein Verlangen, wenn sich diese Stelle heranschieben würde, ihr Leib sich winden würde auf ihn zu, um sich das zu erringen, wonach sie sich zehrte. Er würde nicht anders können, er müsste eintauchen in diese Höhle, die ihn endlich bergen würde, warm, strömend, feucht von Verlangen. Immer sollte es dauern, nie enden. Raimund wollte seinem Gefühl standhalten. Es für immer ertragen, nie löschen, denn dann erstürbe auch die Liebe, und er müsste sich von ihr lösen. Aber es war gar zu schön, wollte Steigerung, noch ein bisschen, und noch ein wenig: nur nicht den Punkt überschreiten, ihm immer weiter unendlich nahe kommen. Doch leider, die Grenze wurde überschritten, das Gefühl löste sich, er ergoss sich. Er bereute: warum hatte er doch so weit onaniert? Nun verlor er sie wieder. Er sah noch ihr Gesicht, ihre feuchten tiefblauen Augen, diese blonden Wimpern, die schlanke Nase, den Flaum über dem lustgenießenden Mund. Dann war sie fort. Er war ausgebrannt mit sich. Allein gelassen übergab er sich dem Schlaf.